„Zweieckformel“ | Nika Sachs

Das letzte Wort ist geschrieben, die letzte Seite gelesen, die Tagebücher der Familie Fauchet (Buchreihe: Übersicht meiner Rezensionen) schließen sich und ich muss Abschied nehmen von liebgewonnenen Protagonist:innen.

Das Theater des Lebens ist eine Vorstellung zwischen Dramakomödie, Horrorfilm und Romanze. Familie Fauchet spielt schon seit über acht Jahren ihr gemeinsames Stück auf dieser Bühne. Mal ziellos, mal neugierig, oft besorgt, aber zum Glück immer wieder zuversichtlich, changiert ihr emotionales Farbenspiel.
Der letzte Band der Tagebuchreihe handelt davon, welche Erkenntnisse bleiben, wenn Chaos, Zweifel und Schuld die Bühne verlassen. Wo findet sich ein gemeinsames Zuhause, wenn der Vorhang fällt?

Klappentext

Lieber Luc,

vor drei Jahren begegneten wir uns zum ersten Mal, am Küchentisch in Niris und deiner Wohnung. Mit einem Kaffee. Innerhalb eines Lebensabschnittes, bei dem dein Karma nur darauf wartete zuzuschlagen und die Teufelchen dir von der Schulter aus zuflüsterten. Beides ist auch nach so vielen Jahren noch in deinem Leben existent, aber so viel hat sich seither geändert! Ich durfte all diese Entwicklungen begleiten und war Teil deiner Geschichte. Du hast mich tief in deine Gedanken blicken lassen, mich in deinem Gedankenkarussell mitgenommen, mir von düsteren Abschnitte erzählt.

Ich bin unvorbereitet in dein Leben gestolpert und habe mich darin verfangen! Ich habe deinen Worten gelauscht, durfte in deine Tagebücher blicken und war fasziniert von deinem Leben. Ein Leben, welches ich so nicht führe und mich doch darin wiederfand. Ich werde deiner Geschichte mit diesen Zeilen nicht gerecht werden, aber ich möchte versuchen dir zu sagen, wie gerne ich diese begleitet habe!

Deine innere Zerrissenheit hat seinen Ursprung in früher Zeit und es dauerte lange, bis du mit Silas einen Weg innerhalb eures Zweiecks gefunden hast, den ihr nebeneinander beschreitet. Ihr zwei hattet euch für lange Zeit entfremdet, habt einen Graben entstehen lassen. Und all die Verknüpfungen, die sich durch eure Begegnungen miteinander verwoben haben, ließen mich innehalten, zweifelnd und hoffend zugleich. Du hast mich mitgenommen in ein chaotisches Leben, in dem du dich eine Zeitlang verloren fühltest. Du ließest mich miterleben, wie du Inga neu kennengelernt hast, dich auf etwas eingelassen hast, was dir lange Zeit fremd war. Deine selbst erschaffene Illusion wich der Realität, was dir manchmal den Boden unter den Füßen wegzog. Erst mit Inga hast du dich wiedergefunden, ohne dabei jedoch auf einer rosafarbenen Wolke zu schweben. Du hast mir erzählt wie zwei Menschen vorsichtig wieder aufeinander zugingen und wie ihr mit Situationen umgegangen seid, die euer beider Leben auf den Kopf stellten.

Dabei gab es eine Vielzahl an Verstrickungen, die Probleme nach sich zogen. Ist es nicht so, das gerade Beziehungen viel von uns abverlangen, wenn sich der gemeinsame Weg gabelt oder neue Pfade die eigenen Wege durchqueren? Ihr habt es trotz verschiedener Irrwege geschafft euch nur kurz zu verlieren, immer wieder zurückzufinden, auch wenn diese Abschnitte nicht immer leicht zu bewältigen waren. Auch du standest dabei vor Hürden, die sich anfühlten, wie Berge die nie erklimmt werden können. Dennoch habt ihr einen Weg gefunden. Es war verworren, doch nach und nach habt ihr euch entknotet, neu verflochten. Freiraum und Vertrauen. Ihr habt Lösungen gefunden, die die Beteiligten dieser Beziehungskonstrukte zu einer Gesamtheit machte, zu einer Familie.

Lange musstest du auf solch einen Halt verzichten, hast ihn dir selbst verwehrt und dich in eine Welt geflüchtet, der du nach und nach entwachsen bist. Wurden aus deinen Tagebüchern deshalb eure Tagebücher? Ich weiß es nicht und will es auch nicht hinterfragen, denn für mich eröffneten sich dadurch neue Perspektiven auf Situationen. Eure Leben bestehen aus so viele Ebenen, aus so vielen Bedürfnissen voller Wollen, Sehnsüchten und Ängsten.

Ungefiltert, aber reflektiert. So schildert ihr eure Erlebnisse, hinterfragt euch selbst, nehmt Abstand und findet durch den Freiraum wieder zueinander. Sollten so nicht alle Beziehungen, egal welcher Form, gelebt werden? Ehrlichkeit, einem Existieren zwischen Alltag und Träumen, ein stetiges Kennenlernen. Nicht nur der anderen Person vertrauen können, sondern auch sich selbst. Denn dies klingt leichter als es ist, das hast du mitunter selbst erleben müssen. In deiner Zeit in Paris, in einem selbstgewählten Leben, um einem anderen Leben zu entkommen.

Neben all dem Schmerz ist auch so viel Sinnlichkeit, nicht nur auf sexueller Ebene. Sinnlichkeit der Zwischenmenschlichkeit. Intimität in Worten. So viele Leben die sich berühren. Eine leise unüberhörbare Leidenschaft, die sich ihren Weg bahnt, altes umstößt, neues erschafft und verloren geglaubtes zusammenbringt.

Textsexuell sind eure Worte, berühren tief und nicht selten dort wo es weh tut. Jedoch ist nicht jeder Schmerz mit Traurigkeit zu verbinden, sondern erschafft durch das Erleben einen neuen Blick. Gedankengewitter welches über dich hereinbrach, Nebel, der die Sicht erschwerte und ein Horizont der so viel bereithielt. Mehr als nur eine Familie, in doppelter Bedeutung des Satzes. Ist es das, was eine Sehnsucht in mir hervorrief, oder sind es die Worte, in die ihr eure Gedanken hüllt? Ist es das unbewusste auflehnen gegen Klischees und einengenden Normen? Ist es dieses kaum greifbare und doch mit jeder Faser zu spürende Leben? Was mich auch in diesen Bann zog, ich kann mich nur schwerlich verabschieden.

Ich versank mit dir in deinem kleinen Lucversum … deine letzten Worte jedoch lassen kaum Zweifel, dass sich unsere Wege nun trennen …

Ich werde dich und euch vermissen.

Liebst, Janna

— Wortkabinett —

#wortberauscht von Formulierungen, die keinen Platz innerhalb meiner Rezension fanden

Es ist mir scheißegal, was der Rest dazu sagt – für mich sind wir eine Familie. Weil Familie für mich nicht bedeutet, dass man verwandt ist, sondern in den Menschen zu Hause.

Seite 55

Romantik ist eine Illusion, die surreale Übersättigung einer Momentaufnahme.

Seite 122

[…] das Damals bleibt einfach in der Luft zwischen uns stehen, löst sich in seine kleinsten Teilchen auf und verflüchtigt sich in der Nacht.

Ich bin schlichtweg verliebt in die Formulierungen von Nika Sachs und in ihre Wortkreationen! Ich meine „Gefühlsgärtner“, „Sozialkater“ sind Worte die in wundervollen Sätzen einen Platz finden und so unsagbar viel in wenigen Worten ausdrücken. Natürlich verabschiede ich mich nur schweren Herzens von den Protagonist_innen, ich bin aber auch unheimlich gespannt was zukünftig aus der Feder der Autorin erscheint!

Rezension verfasst von © Janna

| Anzeige | Buchdetails & andere Rezensionen:

Titel: Zweicekformel
Buchreihe: 4. Band 
Autorin: Nika Sachs
Verlag: Twentysix | [Selfpublisher]
Die Tagebücher der Familie Fauchet-Reihe:
Band 1 ~ „Schneepoet“
Auskopplung, Prequel ~ „Am Horizont Schwarz“
Band 2 ~ „Karmapoet“
Band 3 ~ „Abseitsliebe“
Band 4 ~ „Zweieckformel“

– Weitere Eindrücke –
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4 Comments
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Eva
Eva
1 Monat her

Liebe Janna,

Du triffst das, was die Reihe darstellt, sehr gut. Danke für diesen persönlichen Abschied.

LG

Eva

Melanie
1 Monat her

Fabelhaft Janna!
Ich habe bisher nur Schneepoet gelesen und muss unbedingt weiterlesen.