„Turmschatten“ | Peter Grandl

Vom Hass

Ein spektakulärer Fall von Selbstjustiz versetzt eine Kleinstadt in Aufruhr. Drei Neonazis werden im Keller eines Turms festgehalten, der Geiselnehmer überträgt das Ganze live im Netz und fordert seine Zuschauer zum Voting auf: Freilassung oder Hinrichtung? Gleichzeitig beginnt eine großangelegte Befreiungsaktion. Womit die Polizei nicht gerechnet hat: Sie haben es mit einem ehemaligen Mossad-Agenten zu tun, der nicht bereit ist zu verhandeln … Ein packender Thriller, der die Grenzen von Gut und Böse aufhebt. Wer hat das Recht auf seiner Seite, und wo fängt Unrecht an? Was muss ein Mensch getan haben, um den Tod zu verdienen?

Inhalt laut Verlag

Es ist das Wort „Thriller“, ganz klein gehalten in dem großen Buchstaben E auf dem Cover, der mich anfänglich etwas skeptisch an dieses Buch herangehen lies.
Wie sollte eine (fiktive) Geschichte um einen alten jüdischen Mann und drei Neonazis, die sich in seiner Gewalt befinden, diesem Genre gerecht werden? Dann noch das Thema um Selbstjustiz und einer über ein Online-Voting gestarteten Leben-oder-Sterben-Umfrage.
Solch eine Geschichte kann richtig daneben gehen!

Das Richtige offenbart sich erst, wenn das Falsche offentsichtlich geworden ist.

Seite 571

Sie kann aber auch richtig gut werden, wenn alle Komponenten zueinanderpassen, sich überlappen ohne aufzubauschen oder ungefüllte Zwischenräume zu lassen. Mit „Turmschatten“ hat der Autor Peter Grandl genau solch ein geniales Konstrukt geschaffen. Ein fließendes aneinanderreihen von Lebensgeschichten, Traumata, Episoden aus scheinbaren Belanglosigkeiten und grausamen Schicksalsschlägen, die allesamt die jeweiligen Charaktere formten.

Alles beginnt an diesem Turm und letztendlich endet dort auch alles. Viel Zeit liegt dazwischen und über 575 Seiten liest es sich immer wieder zurück in die Vergangenheit, um Geschehnisse der Gegenwart zu begreifen.
(Ganz am Ende gibt es ein Personenregister, auf gar keinen Fall vorher lesen!)

Die Bezeichnung Thriller empfinde ich als ungemein wichtig. Hätte da nur Roman draufgestanden, wäre so mancher lesende Mensch eventuell in eine Szenerie geraten, die triggert.
Denn es wird gnadenlos und grausam. Viele diabolische Situationen bringen deutlich die Grausamkeiten einzelner Charaktere hervor, aber es ist keiner der typischen Mainstream Thriller.

Männer wie Frauen, Opfer und Täter, bestimmen dieses Buch. Der Autor schafft es einem diese sehr nahe zu bringen, eben durch Schilderungen aus deren Leben. Von Familienbanden, guten und schlechten, Konditionierungen ab Kindes Beinen an und der Konsequenz, dass manche schlechte Menschen so herangezogen wurden und aus nichts etwas lernen, während andere an ihrem Schicksal wachsen und zumindest versuchen irgendwie etwas Gutes zu tun.

Die Geschichte rankt sich um ein paar ganz bestimmte Personen.
Allen voran Ephraim, der seit kurzem im Turm lebt und dort zur Ruhe kommen kann, nach einem aufreibenden und traumatisierten Leben. An seiner Seite ist eine junge Frau, deren Anwesenheit im ungemein guttut. Doch es gibt Gestalten, die ein Problem mit Ephraim haben, wegen seinem Glauben und weil sie unendlich dumm sind.
Eine Situation endet in einem Desaster und damit kommt es zu dem eigentlichen Geschehen im Turm.

Dieses Online-Voting offenbart ganz tiefe Einblicke in das Umfeld des Turms und den darin befindlichen Menschen, bringt aber eben auch andere zum Vorschein. Einen Vorsitzenden einer (erfreulicherweise) mittlerweile verbotenen Partei, eine Journalistin, einen Polizisten und manch richtig üble Gesellen. Es zeigt auch auf, wie schnell sich insbesondere die Presse auf solch ein „mediales Ereignis“ stürzt. Auch hier hat der Autor richtig fies (das meine ich in dem Sinne positiv) gewütet und wieder die unterschiedlichen Sichtweisen aufgezeigt.

Das Buch stellt nicht die Frage nach Recht oder Unrecht, es erhebt keinen mahnenden Zeigefinder, dass benötigt es auch gar nicht. Wer genügend gesunden Menschenverstand hat, versteht alles (auch wenn nicht alles für gut befunden werden muss). Ficition kann verzeihen, das reale Leben, insbesondere der Opfer wegen, nicht.

Während Ephraim versucht diese Männer zum Reden zu bringen, ihre Schuld und ihr monströses Handeln ihnen selbst gegenüber zu offenbaren, werkeln im Hintergrund Polizei und Co. einen möglichen Befreiungsschlag vor.
Dabei stellt sich im Laufe der Zeit immer mehr heraus, dass so mancher vielleicht gar nicht befreit werden will, denn was diese „Geiseln“ zu erzählen haben, ist weit mehr als nur das Geständnis eine Verbrechens.

Mir hat imponiert mit welcher Gnadenlosigkeit der Autor an dieses Werk gegangen ist. Grundsolide und sehr ehrlich, ohne Kompromisse oder Zugeständnisse an irgendwelche Gruppierungen.

Die Sprache im Buch ist den jeweilig zugehörenden Charakteren angepasst, darauf sollten sich alle, die dieses Buch lesen möchten oder werden, einlassen. In dem folgenden Spoilertext habe ich ganz kurz dazu etwas geschrieben um eventuell einem oder mehreren Triggern vorzuwarnen, auch wenn es ein Thriller ist.

*KLICK MICH, um den aufklapparen Spoiler zu lesen* Da es im Buch sehr viel um Antisemitismus geht und Neonazis in ihrer dämlichen Sprachweise wiedergegeben werden, kommt es wiederholt zu sehr abfälligen Worten, insbesondere einer jungen jüdischen Frau gegenüber. Es gibt ebenso abwertende Kommentare, wieder durch den dargestellten Sprachmodus diverser Individuen, gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Ebenfalls angesprochen wird Kindesmissbrauch, dieser wird allerdings nicht detailliert erzählt

Ein umfangreiches, irre komplexes Werk, dessen Stil mich gnadenlos eingefangen hat.

Rezension verfasst von © Kerstin


– Weitere Eindrücke –
Anetts Bücherwelt
Nicole Plath
Recensio

| Anzeige – Buchdetails |

Titel:Turmschatten
Genre: Thriller
Sub-Genre: Politthriller

Einzelband, 592 Seiten
gebunden, mit Lesebändchen

Autor: Peter Grandl
Verlag: Das Neue Berlin
[Eulenspiegel Verlagsgruppe]

– Rezensionsexemplar —

Das Buch wurde mir vom
Eulenspiegel Verlag
kostenlos zum Lesen und Rezensieren
zur Verfügung gestellt.
Herzlichen Dank dafür!
Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken
und wird durch eine Bereitstellung
des Buches nicht beeinflusst.

Manchmal entscheidet sich unser Leben innerhalb von Sekunden.

Seite 563
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Aleshanee
22 Tage her

Guten Morgen!

Das ist zwar eigentlich gar nicht meine Leserichtung, aber mich hast du damit jetzt auch echt neugierig gemacht. Tolle Rezension :)

Liebste Grüße, Aleshanee

LeseWelle
23 Tage her

Hallo Kerstin!
Klingt nach einem emotionsgeladenem Buch. Du hast mich da sehr neugierig gemacht.
Werde ich mir auf jeden Fall merken.
Danke für deine Rezension.
Liebe Grüße
Diana