#SPbuch-Special № ¹

Ich frage mich immer mal gerne, wie sich die unterschiedlichen Protagonist:innen von verschiedenen Autor:innen verstehen würden. Irgendwann schrieben Magret Kindermann und Tanja Hanika mal darüber, wie es wohl bei Carmen und Chester wäre und eben diese Idee bleib eine lange Zeit in meinem Köpfchen. Dann schrieb ich die Beiden einfach mal an, ob sie nicht Lust und Zeit hätten, ihre Protagonist:innen zusammen zuführen. Weil ich im Flow war, schrieb ich auch zwei weitere Autorinnen an, somit wird dieses Special das Erste aber nicht das Letzte sein!

Ich freue mich wahnsinnig, dass die Autorinnen sofort begeistert waren und sich an einen gemeinsamen Text setzten, spannend oder?
Das Autor:innen gemeinsam ein Buch verfassen ist keine Neuheit, das jedoch bereits geschriebene Protagonist:innen aufeinandertreffen, hab ich noch nicht gelesen und ich darf dich hier auf meinem (Gemeinschafts)Blog daran teilhaben lassen *Konfettiregen*

Ohne Erlaubnis der Autorinnen Tanja Hanika und Magret Kindermann dürfen keine Textstellen kopiert und weiterverbreitet werden!

Solltest du Chester aus „Angstfresser“ und Carmen aus „Und dein Leben, dein Leben“ noch nicht kennen, kannst du diese Kurzgeschichte natürlich dennoch lesen. Meine Rezensionen zu beiden Büchern habe ich dir ganz unten verlinkt. Nun aber genug von mir, Bühne frei für Tanja und Magrets Experiment – wir sind sehr gespannt, was du dazu sagst. Ich liebe es und bedanke mich nochmals herzlich bei Magret und Tanja für ihre Zeit und das sie meiner Idee direkt verfallen waren!

Lass dich auf eine Kurzgeschichte mit Horror-Atmosphäre und Tiefgang ein, die du nur auf „KeJas Wortrausch“ entdecken und erleben kannst.
Ich wünsche viel Vergnügen!

Foto © Magret Kindermann & Tanja Hanika

#SPbuch-Special № ¹

Etwa zehn Jahre, bevor Chester seine große Horror-Show plante und Carmen eine Leiche fand, trafen sich die beiden unvorhergesehen auf einem Jahrmarkt in Deutschland.

Carmen

Da die Schlange lang war und sich hinter ihr direkt weitere Menschen ansammelten, hoffte Carmen auf eine erdrückende Atmosphäre und viel Angstschweiß. Vielleicht würde das Geisterhaus sie zusammenbrechen oder das Bewusstsein verlieren lassen. Ja, es war denkbar, dass sie endlich verrückt werden würde. Sie blickte an der Fachwerkfassade hoch, durch dessen Risse sie eine Faust schieben könnte. Es war ein echtes Haus aus dem 18. Jahrhundert, keins dieser Fahrgeschäfte, die einmal im Jahr den Platz davor füllten. Carmen war am Morgen angereist, um mit Einbruch der Dunkelheit das Geisterhaus aufzusuchen, und hatte enttäuscht festgestellt, dass ausgerechnet an diesem Tag und auch die nächsten drei der Jahrmarkt stattfand. Als sie eine Bude entdeckte, die Langosch, ein herzhaftes Gebäck aus Ungarn, verkaufte, verzieh sie dem Tumult um sich herum. Als sich die kleine Tür öffnete – man konnte nur einen schwarz behandschuhten Unterarm dahinter erkennen – und die erste Handvoll Menschen hineinging, fiel ihr das ungarische Gebäck in ihrer Hand wieder ein und sie biss großzügig ab. Öl lief ihre Wange hinab.
»Sie machen es richtig«, sagte ein Mann hinter ihr mit unverkennbar britischem Akzent. »Ich hätte mir auch einen Snack für die Wartezeit holen sollen.«
Carmen drehte sich um und erblickte den Wartenden in Kleidung, die ein wenig zu schick für einen Jahrmarktbesuch waren.
»Ich wollte nicht stören«, sagte er und zog die Hände aus den Hosentaschen.
»Haben Sie nicht.« Obwohl sie tatsächlich befürchtete, mit ihm in ein Gespräch verwickelt zu werden. Wenn er mit ihr gemeinsam in einer Gruppe das Geisterhaus betreten würde, wäre ihr ganzer Ausflug versaut. »Mögen Sie Jahrmärkte?«, fragte sie, um die Gefahr besser einschätzen zu können.
»Warum auch nicht? Nirgendwo sonst gibt es so viel gutes Junkfood.«
Also einer dieser fröhlichen Sorte. Carmen würde ihn ignorieren und grimmig dreinblicken müssen, um ihn sich vom Hals zu halten.
»Ich bin aber vor allem gespannt auf dieses Haunted House. Ich hab gelesen, es hätte Leute schon zum Kotzen gebracht.«
Carmen blickte auf. Hastig wischte sie sich das Knoblauchöl aus dem Gesicht. »Ich bin Carmen«, sagte sie.
»Chester. Freut mich.«
»Wollen Sie beißen?«
Ihr neuer Bekannter öffnete verblüfft den Mund, lächelte dann und streckte das Gesicht vor. Sie hielt ihm das Stück so hin, dass er eine Ecke gut erwischen konnte. Beim Kauen verstärkten sich seine Lachfältchen und er nickte überschwänglich. »Jetzt hab ich erst recht Hunger«, sagte er hinter vorgehaltener Hand. »Obwohl man sich hungrig vielleicht besser fürchtet.«
Diese Aussage gefiel Carmen und am liebsten hätte sie ihm dafür den restlichen Langosch überlassen. Anderseits wollte sie ihnen beiden nicht die Angst verderben, also warf sie das Gebäck zu einem einige Schritte entfernten Mülleimer. Sie traf nicht, doch irgendeinem Hund würde sie damit eine Freude gemacht haben.
Chester schien sich nicht daran zu stören, dass er sich nicht mehr das Abendessen mit ihr teilen konnte. »In meinem nächsten Roman möchte ich etwas mit Geisterhäusern machen«, erzählte er und blickte auf das Fachwerk vor ihnen. »Aber nicht so welche. Sondern die, in denen wirkliche Schrecken passieren. Hier wissen die Besucher ja im Hinterkopf, dass es nur ein Spiel ist. Aber die echte, rohe Angst, die erlebt man nur, wenn es einen unvorbereitet trifft. Erst in dieser Angst lernst du, wer du wirklich bist.«
Carmen war sich nicht mehr so sicher, ob das Geisterhaus die beste Attraktion auf diesem Jahrmarkt war, und musterte Chester. »Ich würde sofort in ein solches Geisterhaus von dir gehen wollen«, sagte sie.
Lange blickte er sie an. Die Schlange rückte erneut ein Stück vor und sie zogen beide nach, ohne den Blick voneinander abzuwenden.
»Ich glaube, wirklich, ich kann so ein Buch schreiben. Ich glaube sogar, ich bin der einzige, der das wirklich kann.«
»Warum das?« Carmen bereute die Frage sofort, denn eigentlich hatte sie keine Lust auf Selbstbeweihräucherung.
Doch statt einer Antwort grinste er wissend und wog den Kopf hin und her, als überlegte er, ob er ihr vertrauen könnte.
»Ich schreibe auch«, beeilte sie sich, zu sagen, um das Gespräch wieder in Gang zu bekommen.
»Ach ja?«
»Nur für mich, es ist nicht besonders gut. Aber es beruhigt. Ich denke mir Morde aus. Am liebsten sind mir die aus Versehen oder in Rage.«
Chester drückte sie leicht an der Schulter, damit sie wieder vorrückte. Jetzt erst sah Carmen, dass sie vorne direkt vor der Tür standen. Sie wären die nächsten.
»Krimis also?«, fragte er und sie wandte sich wieder zu ihm.
»Nein, nicht wirklich. Ermittlungen und sowas wären für mich nur Beiwerk. Deshalb würde ich wohl nie etwas veröffentlichen können. Hast du schon etwas veröffentlicht?«
Er versuchte, es beiläufig klingen zu lassen, und blickte zur Seite, als höre er sich selbst gar nicht richtig zu: »Schon einiges. In England bin ich mittlerweile schon recht bekannt. Aber ich will noch viel mehr erreichen.«
Sein Eifer und auch sein Stolz waren ihr fremd, daher wusste sie nicht, was sie erwidern sollte. Plötzlich wurde ihr wieder der große Platz mit den Buden und den vielen Menschen bewusst, während ihre Hitze der Aufregung verging. Chester schien einer der Menschen zu sein, die sich an Ekel und Horror aufgeilten, weil es anderen Leuten Angst machte. Damit konnte sie nichts anfangen. Vielleicht sollte sie vorgeben, auf Toilette zu müssen, die Schlange verlassen und sich wieder hinten anstellen.
In diesem Augenblick schwang die kleine Tür auf und die behandschuhte Hand erschien. Unschlüssig trat sie in die Dunkelheit ein.
»Jetzt kann es losgehen!«, sagte Chester, er klatschte sogar in die Hände.
Hinter ihnen mussten noch einige folgen, denn sie hörte Schritte. Dann knarrte die Tür, das Lichtflackern von den Fahrgeschäften und Buden verschwand. Carmen roch den Knoblauch in ihrem Atem. Sie wurde beiseite gedrängt und die Menschen hinter ihr eilten mit viel freudigem Geflüster davon. Als ihre Schritte verklangen und sie die Stille einhüllte, atmete sie erleichtert aus. Jetzt konnte es wirklich losgehen.
»Buh!«, machte es hinter ihr und Carmen fuhr erschrocken zusammen. »Du hast dich ja wirklich erschreckt!«, sagte Chester.
Tatsächlich klopfte ihr Herz ein wenig schneller. Vielleicht war Chester doch keine so schlechte Begleitung. Sie ertastete einen Vorhang vor sich, zog ihn beiseite und sie gingen hindurch.

Chester

Kaum war ein bisschen Knoblauchöl der Frau von der Wange getropft, da hatte Chester gewusst, dass er sie ansprechen musste. Die Frau vor ihm in der Schlange war interessanter als die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen. Mit ihr würde das Spukhaus zu etwas Unvergesslichem.
Jetzt schaute Carmen ihn mit roten Wangen an und es gab nichts, was er sich mehr wünschte, als sie erneut zu erschrecken. Angst durch ihren Körper zu jagen, damit diese herrliche Röte ihr Gesicht nicht wieder verließe.
»Ich steh auf Angst, weißt du«, gab Carmen ein paar Augenblicke später zu. »Dann fühle ich mich lebendiger als sonst.«
»Angst ist unwiderstehlich. Dir steht sie besonders.« Chester wies mit der Hand in den dunklen Gang, aus dem die Besucher vor ihnen längst verschwunden waren. »Nach dir.«
Carmen wischte sich die Haare hinter die Schulter und ging zielstrebig auf die Finsternis zu, die sie fast zu verschlucken drohte, sodass Chester sich ebenfalls in Bewegung setzte. Der Gang knickte nach links ab und führte sie nach wenigen weiteren Schritten in einen Raum. Ebenfalls fensterlos, mit einem Tisch in der Mitte, einem kleinen Herd und Regalreihen voller Einmachgläser, die mit unterschiedlichsten ekelhaften und sicher nicht zum Verzehr geeigneten Dingen gefüllt waren. Es gab ein Glas voller Augäpfel inklusive einem Knäuel aus Sehnerven, daneben stand eins, das mit Zungen gefüllt war. Es gab eins mit Blut, eins mit einer Flüssigkeit, die Chesters Magen zum Rebellieren brachte, weil es sich wahrscheinlich um einen knappen Liter Eiter handelte. In einem Einmachglas lagen kleine Knochen, im nächsten schwamm ein missgebildeter Pferdefötus. Und es gab noch viel mehr zu entdecken. Von Fingernägeln über Zähnen bis hin zu einem Katzenkopf oder winzigen Gehirnen, vielleicht die von Vögeln oder Nagetieren. Mit einem Mal waren Neugier und Amüsement für Chester vergessen. Sie strömten aus seinem Körper wie das Blut aus unzähligen seiner Figuren, von deren Ermordung er so gerne schrieb. Vor ihm schrumpfte der Raum zusammen und ihm war, als würde die Luft aus seiner Lunge gepresst. Die Erinnerung an den Keller in seinem Elternhaus, den er als Kind mehr als alles andere gefürchtet hatte, blendete ihn schier.
Während Carmen fasziniert die Regalreihen entlangschritt und gegen manche Einmachgläser klopfte, konnte Chester nicht genügend Atem schöpfen, um ihr auf eine Frage zu antworten, die er überhaupt nicht verstanden hatte.
»Chester? Chester?«, fragte sie irgendwann und tauchte direkt vor ihm auf. Er bemerkte, wie die Begeisterung verfloss und Sorge in ihre Gesichtszüge gespült wurde. »Was ist los mit dir?«
Er setzte an, ihr zu antworten, wusste aber selbst nicht, was er sagen konnte, um weniger erbärmlich dazustehen. Stattdessen spähte er über seine Schulter. Es fehlte nicht viel, dann würde er tatsächlich umdrehen und kneifen. Er ertrug die Erinnerung an diesen Keller nicht länger.
Carmen nahm seine Hand und zog ihn sein Stück weiter in den Raum hinein. »Genieß die Angst, Gruselmann. Finde heraus, was mit dir passiert, wenn sie größer wird, als du es bist. Dann gehst du als neuer Mensch hier raus.«
Chester räusperte sich und konzentrierte sich auf das erste Einmachglas, das ihn fesselte. Darin schwammen unzählige blasse Fingerkuppen. Davon ausgehend, dass sie echt waren, versuchte er sich vorzustellen, was die Finger wohl als letztes berührt hatten, bevor sie abgetrennt worden waren. »Meine Fantasie«, sagte er und ersetzte damit das Wort Erinnerung, »geht manchmal ein bisschen durch. Vielleicht eine Berufskrankheit von uns Autoren? Ich glaube, aber erzähl das keinem, dass ich nur darum so gruselige Texte schreiben kann, weil ich den Grauen mit jeder Pore selbst spüren kann. Ich bin sozusagen selbst das Grauen.«
Auf dem Herd stand ein Kochtopf, dessen Deckel Carmen anhob, um hineinzuschauen. Ein spitzes Lachen entfuhr ihr. Erst dann wandte sie sich ihm zu. »Weißt du, ich schreibe von Morden und frage mich selbst, wie das ist. Wie ist es, ein Leben zu nehmen? Aber bin ich deswegen eine Mörderin? Vielleicht bist du ja das Grauen. Und vielleicht brauchen manche Leute genau das von dir. Vielleicht brauche ich das, damit ich keine Mörderin werde?«
»Das klingt verrückt.«
»Das ist gut. Verrückt ist gut.«
Carmen drehte sich um und verließ den Raum. Chester folgte ihr. Etwas anderes hätte er nicht zu tun vermocht. Der nächste Raum wies keinerlei Möbel auf, sondern war mit stehenden und liegenden Wachsfiguren bestückt. Dabei handelte es sich nicht um solche, die Berühmtheiten abbildeten. Stattdessen stellten sie Leichen dar, die auf unterschiedlichste Weise zu Tode gekommen oder gebracht worden waren.
»Ein Schlachthaus«, kommentierte Chester und konnte sich kaum sattsehen. Kreativität und Inspiration wagten in seinem Gehirn einen verwegenen Tanz, zu dem er am liebsten auch Carmen aufgefordert hätte, die mindestens so verzückt schaute, wie er sich fühlte.
»Wirst du darüber schreiben?«, fragte Carmen und fuhr mit dem Zeigefinger über den wächsernen Stumpf einer Kehle, deren dazugehöriger Kopf auf einem samtenen Kissen daneben lag.
»Ich weiß gar nicht, wie ich jemals aufhören soll, hierüber zu schreiben.«
»Wirst du auch über mich schreiben?«, fragte Carmen auf eine Weise, die intimer gar nicht sein konnte.
Chester wickelte sich eine ihrer Haarsträhnen auf den Finger auf und langsam wieder ab. »Willst du das denn?« »Ich will alles.« Erneut führte sie ihn zum nächsten Raum.

Carmen

Eine laute Kettensäge unterbrach ihr Schäkern, sie drehten sich im Kreis, um die Herkunft zu lokalisieren.
Chester, der sich anscheinend wieder gefasst hatte, zeigte schließlich nach oben in eine Ecke. »Da oben ist ein Lautsprecher.«
Schwarze Tücher verhängten den Weg und sie tasteten sich voran. Der Weg war gerade breit genug für eine Person und Chester lief hinter ihr. Obwohl er sie nicht berührte, spürte sie seine Anwesenheit, als würde er sich dicht an sie drängen. Die Kettensäge schien von hinten näher zu kommen und sie anzutreiben.
Carmens ausgestreckte Hand traf auf etwas Hartes hinter den Tüchern und sie zuckte zurück.
»Was ist da?«, fragte Chester und streckte ebenfalls die Hand aus.
In diesem Moment fiel etwas durch den Stoff auf sie, mit einem wohligen Aufschrei sprang Carmen zurück in Chesters Arme. Dieser zog den Stoff beiseite und entblößte einen zuckenden Körper. Der Schauspieler mit Halswunde, aus der Theaterblut tropfte, hauchte mit aufgerissenen Augen: »Ihr werdet die nächsten sein, lauft! Aber egal, was ihr tut: Steigt auf keinen Fall in die Wagen. Es ist eine Falle!«
Chester beugte sich zu ihm hinunter und betrachtete die Schminke. »Bei der Wunde wärst du sofort tot. Vielleicht solltet ihr weniger dick auftragen.«
Der Schauspieler starrte ihn an, röchelte dramatisch und blieb schließlich reglos liegen.
»Ich wünschte, alles wäre ein wenig subtiler«, sagte Carmen. »Ich habe gar keine Zeit, richtig Angst zu kriegen.«
Er nickte und richtete sich wieder auf. »Mir fehlt die Geschichte. Vor was sollen wir uns hier fürchten? Und warum, geht es um Rache? Pure Mordlust? Die Menschen unterschätzen den persönlichen Bezug.«
Sie gingen weiter durch die Dunkelheit, die von den Tüchern begrenzt wurde. Vor ihnen lag eine Kurve, der Stoff wehte leicht.
»Weißt du, du solltest so ein Haunted House machen. Du wärst richtig gut darin.«
Chester drehte sich zu ihr um. »Ja, findest du?«
Sie wollte nicken, doch plötzlich schwoll die Kettensäge wieder an, dieses Mal kam das Geräusch von vorne. Er ergriff ihre Hand und zog sie mit sich.
Abrupt blieb er stehen und Carmen dachte, er wolle sich vielleicht wieder umdrehen und sie küssen, aber dann sah sie eine große, vermummte Gestalt vor ihnen, die die Kettensäge erhoben auf sie zukam.
Sie rührten sich nicht. Als die Gestalt sie fast erreicht hatte und noch bedrohlicher gestikulierte, flüsterte Carmen: »Ich glaube, wir sollen davonrennen.«
»Aber wohin? Er versperrt uns den Weg.«
Die Gestalt blieb stehen und schwang die Kettensäge, bis sie plötzlich innehielt. Der Mann zog das Tuch vom Mund und sagte frustriert: »Was ist los? Ihr müsst in die andere Richtung zurück, habt ihr keine Angst vor mir?«
Sie blickten sich an, zogen die Schultern hoch und liefen kichernd Hand in Hand den Gang zurück. Ein Tuch war beiseitegeschoben worden und gab nun einen neuen Durchgang frei. Dahinter erwartete sie ein künstlicher Kanal mit flachem Wasser. Mit künstlicher Geräuschkulisse krachte hinter ihnen ein Gitter hinunter.
»Lausch mal«, sagte Carmen.
Irgendwo im Hintergrund tropfte Wasser auf Metall. Ihre Nackenhaare richteten sich auf. Das war die Atmosphäre, nach der sie sich gesehnt hatte.
»Wunderschön gruselig«, sagte Chester.
Mit einem langgezogenen Quietschen fuhr ein Wagen auf Schienen unter dem Wasser heran. Vor ihnen hielt er. Sie setzten sich auf die zwei Plastiksitze, die sie daran erinnerten, dass sie nur auf einem Jahrmarkt und nicht wirklich in einer gefährlichen Situation waren. Der Wagen fuhr an und Herzklopfen stellte sich ein. Vereinzelte schwache Lampen reflektierten auf dem Wasser.
Carmen mochte es, wie sich Chester im Raum mit den eingemachten Fingerkuppen von ihr hatte helfen lassen und trotzdem nicht darauf sitzen blieb. Das war eine Unabhängigkeit, die sie nicht aus Beziehungen kannte. Seine Männlichkeit schien davon nicht angegriffen worden zu sein und gerade das wirkte auf sie anziehend. Er hatte ihr vertraut, doch nahm er keine Opferrolle an. Das war eine Stärke, die sie an einem Mann noch nicht erlebt hatte. Ihr Arm kribbelte neben seinem.
Sein Lächeln ermunterte sie und kurzerhand kletterte sie über seine Beine und setzte sich auf ihn. Er zeigte keine Überraschung, sondern streichelte wie selbstverständlich ihre Oberarme. Ihre langen Haare hingen über sein Gesicht und doch berührten sich ihre Lippen nicht.
Jemand schrie im Hintergrund, als würde er oder sie abgestochen werden. An einem bestimmten Punkt wackelte der Wagen, als ein Mann vor sie draufkletterte und ein furchterregendes Fauchen von sich gab.
Chester und Carmen lächelten sich an. Zwischen ihren Beinen kribbelte es. Ein Flutschen verriet irgendwann, dass sie sich nicht mehr im Wasser befanden.
»Ich glaube, wir sind durch einen Haufen Leichen gefahren«, sagte Chester und sie spürte seinen Atem beim Sprechen.
»Sexy«, sagte Carmen.
Mehrere Fackeln an den Wänden ließen sie ihre Umgebung besser erkennen und der Wagen hielt. Sie blieb einfach sitzen, in der Hoffnung, dass der Wagen erneut eine Runde drehen würde. Aber als sich nichts regte und Chester auch keine Anstalten machte, sie zu küssen, stand sie schließlich doch auf. Sie bemerkte seinen verzehrenden Blick auf ihr.
Der neue Raum verlangte nun doch nach ihrer Aufmerksamkeit. Er war in Blut getränkt, hier und da lag etwas, das wie Körperteile aussahen.
»Nun, das nenne ich Horror!« Chester strahlte und breitete die Arme aus.
Sie hockte sich vor einen blutigen Klumpen und tauchte die Hand hinein. Das Blut roch nach Chemie, aber das machte nichts, das konnte sie ignorieren. Sie dachte an den Geruch des abgetrennten Arms, den sie einmal vor Jahren gefunden hatte, und holte diesen ins Jetzt. Erst als sie Chesters Japsen hörte, bemerkte sie, was sie tat. Ihre Hand lag auf ihrem Gesicht, in das sie sich das Blut geschmiert hatte. Mit schnellen Schritten kam er auf sie zu und dieses Mal würde er sie ganz sicher küssen, doch da lenkten sie Fußtritte ab und zwei junge Frauen standen aufgeschreckt vor ihnen. Angstvoll erblickten sie Carmens verschmiertes Gesicht und schrien, als würden sie gehäutet. Sie waren davongerannt, bevor jemand etwas sagen konnte.
»Haben sie sich gerade vor mir erschreckt?«, fragte Carmen.
»Richtig so. Wahrscheinlich sind wir das Beängstigendste im ganzen Haus.«
Zum ersten Mal hatte jemand ihre sonderbare Art positiv hervorgehoben, mehr noch: Er sah sich genauso, sie waren ein Team. Chester streckte eine Hand aus, strich über ihre Wange und blickte dann auf das Blut auf seinem Finger. »Nun. Ich habe eine hervorragende Idee.«

Chester

Bevor Chester seine Idee näher erklärte, presste er seine Lippen fest auf die dieser wunderbaren Verrückten. Schnell wurde ihr Kuss leidenschaftlicher. Bestimmt war nun auch er voller Kunstblut.
Carmen drückte ihn sacht von sich. »Was ist deine Idee?«, fragte sie, aber das Glimmen in ihren Augen verriet, dass auch sie sich nach mehr als nur Fake-Blut-Küssen sehnte.
»Wir werden den Leuten, die hier arbeiten, einen unvergesslichen Tag bescheren.« Chester genoss es, wie sie sich vor Neugierde wandt.
»Wie denn? Indem sich einer von uns tot stellt und der andere ein Drama veranstaltet? Jetzt sag schon.«
»Nein, so einfach machen wir es ihnen nicht. Wir zwei«, erklärte er und wischte mit der Spitze seines Zeigefingers über ihre rotglänzende Wange und deutete anschließend auf Carmen und sich, »wir drehen richtig schön durch. Wir schleichen uns an alle hier Angestellten an und erschrecken sie nicht nur, sondern mimen die Verrückten. Ja, ja, verrückter, als wir wirklich sind. Als wären wir durchgedreht und würden um unser Leben kämpfen. Als hätten wir schon ihre Kollegen umgebracht.«
Carmen strahlte verzückt. »Und als wären sie als nächstes an der Reihe.« Carmen schaute an sich hinunter. »Wir brauchen mehr Blut.«
»Mehr Blut. Wenn du wüsstest, wie oft ich schon mehr Blut gebraucht habe. In meinen Geschichten, meine ich.«
Schweigend gingen die beiden zurück, tauchten ihre Finger, später sogar die ganze Hand, in den künstlichen Blut-Kanal und verzierten sich gegenseitig damit. Die Menschen, die an ihnen derweil vorüberkamen, beäugten sie kritisch bis fasziniert und hielten das für einen Teil der Darbietung, die vom irren Gelächter der beiden untermalt wurde.
Carmen betrachtete ihre Vorderseite und spähte sich über die Schulter den Rücken hinab. »Ich glaube, das genügt.«
Chester gab Carmen Recht und gemeinsam schlichen sie durch die Dunkelheit, durch Vorhänge und Gänge. Chester verlor das Interesse an der Geisterbahn selbst und an seiner Umgebung. Er war auf der Jagd. Er wollte Angst erwecken und sie verschlingen. Richtige Angst, nicht nur diese kleinen fröhlichen Schrecken, wie sie hier für drei Euro fünfzig pro Ticket geboten wurden.
Noch vor Carmen entdeckte er einen Mitarbeiter, der in einem der Särge an der Wand lauerte. Rechterhand waren in den nächsten sechs Metern lauter Särge an die Wand gestellt. Einige waren offen und leer, andere geschlossen und aus manchen regten Leichenhände, bisweilen sogar Klauen heraus. Der Deckel eines Sarges hatte sich aber leicht bewegt, was Chester in der Finsternis eher durch Zufall aufgefallen war. Für ihn war klar: Würden sie daran vorbeispazieren, spränge jemand heraus. Vielleicht brüllte oder krächzte er, aber sie beide würden dafür sorgen, dass er schrie wie nie zuvor. Nämlich vor echter Furcht. Er fasste Carmen an die Schulter und bedeutete ihr leise zu sein.
Sie nickte freudig und gemeinsam schlichen sie möglichst nah an den Särgen entlang auf ihr Ziel zu. Dort angekommen riss Chester den Sargdeckel beiseite und brüllte so markerschütternd er konnte: »Uns bringt ihr verfickten Mörderschweine nicht um. Uns nicht!«
»Das ist dein Ende!«, ergänzte Carmen und streckte die Arme nach dem Angestellten aus, der wie eine Leiche geschminkt und mit einem zerfledderten schwarzen Anzug gekleidet war. Der Mann riss die Augen auf und sein Mund stand zu einem stummen Schrei offen. Lediglich ein verschrecktes Quieken konnten sie unter ihrem Gebrüll ausmachen. Er hob die Hände und verbarg hinter seinen Armen den Kopf.
Nach viel zu wenigen Sekunden, wie Chester fand, traten sie von ihrem Opfer zurück. Es dauerte noch einen Moment, ehe der Angestellte es wagte, nachzuschauen, was los war.
Carmen stieß Chester sanft mit dem Ellenbogen in die Seite. »Wir sind gut. Irgendwelche moralischen Bedenken?«
Chester grinste breit. »Nope.«
»Scheiße, Mann, ihr seid ja durchgeknallt«, sagte die lebendige Leiche im Sarg und musste nun lächeln. »Ihr habt mich voll drangekriegt.«
Chester deutete eine Verbeugung an und sie gingen weiter. Carmen hakte sich bei ihm unter und er passte seine Schritte an ihren Rhythmus an.
Zwei weitere Geisterbahn-Angestellte trafen sie noch. Einer zeigte lediglich eine versteinerte Miene, fluchte aber derb, als sie weiterzogen. Der letzte stieß einen herrlich spitzen Schrei aus und dann war es schon vorbei. Sie traten ins Licht und zum Ausgang hinaus.
Sie standen einander gegenüber. Sprachlos. Ihre Blicke tasteten einander ab und sprachen die Worte, die ihre Lippen verschwiegen. Chester beugte sich vor. Ein letzter Kuss, den musste er ergattern. Kurz vor ihrem Mund hielt er inne und wartete, bis sie ihm entgegenkam. Das Kunstblut an ihren Lippen schmeckte im Entferntesten nach Kirschen und die Zeit schmolz, wie die roten Rückstände unter ihrer beider Speichel.
Nach einer Unendlichkeit oder einem Augenblick, beides war möglich, lösten sie sich voneinander.
Carmen sagte: »Das war und wird die beste Geisterbahn meines Lebens sein. Außer du lädst mich ein, wenn du dein Haunted House eröffnest.«
»Ich werde an dich denken.« Chester ließ absichtlich offen, ob er damit eine Einladung oder es generell meinte.
»Zeit für ein Lebewohl.«
»Ich wünsche dir ein verrücktes, aufregendes und mordbegeistertes Leben, das dich so verrückt macht, wie du sein willst«, sagte Chester.
»Und ich wünsche dir, dass deine Horrorgeschichten deine Leser mitreißen. Dass du ganz in deinen Horrorwelten leben kannst, dich darin verlieren kannst.«
Während Chester sein kleinformatiges Notizbuch aus der Hosentasche zog, um einige Einfälle zu notieren, zuallererst aber den Namen Carmen, ging diese wunderbare verrückte Frau zurück zum Hauptplatz des Jahrmarktes.
Särge. Lebende Tote. Bloody Mary. Labyrinth – mit Spiegeln? Leben und Tod. Und dann noch einmal: Carmen.

ENDE


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➤ „Und dein Leben, dein Leben“ von Magret Kindermann (Carmen)
➤ „Angstfresser“ von Tanja Hanika (Chester)

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4 Comments
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LeseWelle
1 Monat her

Sehr cool! :D

Conny's Bücherbubble
Conny's Bücherbubble
1 Monat her

Ich steige auch mit einem Buch von Tanja Hanika ein. Zwietracht. Viel Spaß mit euren Büchern