„Sendbo-o-te“ | Yoko Tawada

— Rezensionsexemplar —
Das Buch wurde mir vom konkursbuch Verlag Claudia Gehrke kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Veränderungen

Die Zukunft ist in dieser Geschichte auf einer der unzähligen Straßen falsch abgebogen und hat einen Crash verursacht, dessen Folgen kaum mehr umkehrbar sind.
Sie hat in dieser Geschichte alles längst überholt und lässt doch Raum für Spekulationen, ob das Vergangene (vielleicht) doch etwas besser war, als gedacht.

Nach einer Katastrophe hat Japan alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt. Yoshiro kümmert sich mit großer Liebe um seinen Urenkel Mumey. Die Kinder in der Zeit werden krank geboren, ihr Leben hängt am seidenen Faden, zugleich sind sie weise und fröhlich, ein Hoffnungsschimmer. Die Uralten leben immer länger. Viele Tiere gibt es nicht mehr, Pflanzen mutieren, auch die Menschen. Als Student war Yoshiro mit einer Frau aus Deutschland befreundet. Manchmal stellt er sich vor zu reisen, fragt sich, wie es den Urenkeln der Frau geht, was sie essen, ob sich die Umwelt in Europa auch so stark verändert hat. Als der Alltag schwieriger wird, versucht eine geheime Organisation, ausgewählte Kinder als »Sendboten« ins Ausland zu schmuggeln – zu Forschungszwecken. Was wird aus dem liebenswerten Mumey?

Klappentext

Bereits 2018 hat die Autorin Yoko Tawada für die englische Übersetzung den National Book Award erhalten. Nun, zwei Jahre später sitze ich hier, grübele über den Inhalt dieses Buches und ob die deutsche Übersetzung an den Inhalt der ursprünglich in der japanischen erschienenen Ausgabe herankommt. Vom reinen Bauchgefühl her würde ich sagen, ja. Vom Lesegefühl und der Tatsache, dass hinterher so viele Eindrücke geblieben sind, kommt da auch ein klares ja.

So zart wirkt dieses Buch, schmal mit seinen knapp 200 Seiten und dem pastellfarbenen Cover, auf dem ein Abschnitt der japanischen Westküste zu erkennen ist.
Leicht liegt es in der Hand und leicht liest es sich auch in die ersten Sätze hinein.

Mumey und Yoshiro sind direkt dort, auf der ersten Seite und sie werden bis zum Ende hin durch dieses Buch führen. Ein kleiner Junge und sein Urgroßvater bilden eine elementare Verbindung in einem Land, welches (durch was auch immer) komplett abgeschottet von der Welt jenseits der Ländergrenzen lebt.
Es scheint freiwillig zu sein, diese Verbindungslosigkeit zum Ausland, den damit verbundenen Folgen für alles was je importiert wurde und damit auch für die Lebensumstände der Menschen.
So nach und nach erliest es sich, dass eine Art Umkehr stattgefunden hat. Gibt es bestimmte Dinge nicht mehr, werden sie eben auch nicht mehr ausgesprochen. Dafür finden sich andere Wörter, die sich im Buch selbst erklären oder zumindest von Yoshiro gerne ausgeschmückt, oder in einem kleinen Anflug von Unzufriedenheit auch genauer erörtert werden.

Aber die unbrauchbar gewordenen Worte bewahrte er in den Schubladen seines Gehirns. Und warf sie nicht weg.

Seite 162

Die Alten werden immer älter, uralt sogar. Die Generation davor gehört noch zu den jungen Alten, mit ihren 70+. Dann entsteht eine riesige Lücke, bis zu der Generation der Urenkelkinder. Um genau diese kümmern sich die alten Alten, so wie Yoshiro um Mumey. Kinder, die bereits krank zur Welt kommen, schwächelnd und mit brüchigen Zähnen aufwachsen, Deformationen haben oder bekommen und zeitlebens, mit Zunahme des Alters auf mehr und mehr Hilfe angewiesen sind.
Es sind nicht nur die Pflanzen, die mutieren. Der Mensch an sich verändert sich, nimmt andere Formen an, manchmal nur in Gedanken aber hier, in der Geschichte, auch in körperlicher, teils sogar geschlechtlicher Form.

Auch wenn der Roman etwas von Postapokalypse hat, da der Boden kontaminiert ist, Tiere und Pflanzen ausgestorben sind und der Großteil des Landes kaum mehr zu bewohnen ist, sollte man nicht darauf warten, dass es zu genretypischen Elementen kommt. Sie Autorin bedient sich da ganz subtiler, kleiner und feiner Erklärungen, versteckt in den Alltäglichkeiten der zwei Menschen Mumey und Yoshiro.
Diese im Klappentext angesprochene „Sendungsboten“ ist lediglich ein klitzekleiner Teil in der Geschichte. Vielmehr wird darauf „hingearbeitet“, erläutert und somit das Leben in dieser Welt sehr plastisch beschrieben.

In jedem steckte eine kleine Blume.
Ein lila Glöckchen.
Ein gelbes Schläuchchen.
Ein rotes Böllerchen.
Ein weißes Späßchen.
Ein scharlachrotes Fleckchen.

Seite 150

Die Sprache im Buch ist sehr poetisch und lässt ungemein viel Raum für eigene Interpretationen. Wenn Dinge wie Zeitschriften namens „Pessimimus für Mütter“ vorkommen ist es einem schon klar, dass die Zukunftsausichten den Menschen dort klar sind, auch wenn sie nicht detailliert beschrieben werden.

Düster könnte all dies herüberkommen – angesichts der Ängste vor alten Dingen und der Verunsicherung was da an Unbekanntem auf alle zukommt. Veränderungen in jedweder Form, in der Art der Gesellschaft, in dem sozialem Gefüge und nicht zuletzt an den Körpern und Seelen – tut es aber nicht!
Es bleibt stets in einem positiven Ton, manchmal hat es etwas leicht ironisches an sich, eine Art von schwarzem Humor findet sich hier und da auch und eben diese Leichtigkeit, besonders durch die Sprache der Kinder dargestellt, lässt einen durch dieses Buch fließen.
„Sendbo-o-te“ hinterlässt Spuren, keine die schmerhaft sind, aber eben solche die ein klein wenig mehr aufmerksam machen, denn wer weiß, es könnte ja doch mal soweit kommen.

Rezension verfasst von © Kerstin

Die Alten strotzen vor Gesundheit, werden immer älter und pflegen die jungen, die kränkeln.
Wäre dies für Euch eine vorstellbare Zukunftsvision?

Anzeige | Buchdetails & andere Rezensionen:

Titel: Send bo-o-te
Buchreihe: Einzelband, 193 Seiten
Autorin: Yoko Tawada
Covergestaltung unter Verwendung von Fotos von Peter Pörtner
Verlag: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
übersetzt aus dem Japanischen von Peter Pörtner

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