„Seht, was ich getan habe“ | Sarah Schmidt [Janna]

Ein fiktionaler Roman, welcher auf wahren Begebenheiten basiert und mich durch die verschiedenen Perspektiven durch die damaligen Ereignisse führte.

Am Morgen des 4. August 1892 entdeckt Lizzie Borden ihren Vater blutüberströmt auf dem Sofa, und auch ihre Stiefmutter wird tot aufgefunden – ebenfalls hingerichtet mit einer Axt. Sind die Geschichten wahr, die man sich in Fall River, Massachusetts, über die angesehene Familie Borden erzählt, über einen jähzornigen Vater, eine boshafte Stiefmutter und zwei vereinsamte Schwestern? […]

Inhalt laut Verlag (Auszug)

Zwischen Fiktion und Realität

Lass dir gleich gesagt sein, ließ nicht den Klappentext! Auch die Verlagsinfo habe ich gekürzt, denn wenn du das Buch noch nicht kennst und lesen möchtest, nimmt es dir zu viel vorweg, wenn der Fall selbst nicht geläufig ist. Ich hatte von der Borden-Familie bislang nichts gehört, doch als die Autorin Sarah Schmidt während ihrer Bibliotheksarbeit über diese Familie stolperte, ließ sie der damalige Fall nicht mehr los und sie vereinte Fiktion und Realität in ihrem Debüt.

Die Geschichte spielt innerhalb weniger Tage Anfang August 1892, während die jüngste von zwei Töchterchen die Leiche des Vaters entdeckt. Danach wird der Tag davor, der 4. August und wenige Tage danach das Gesamtbild durch vier Perspektiven zusammengesetzt. Bereits dieser Wechsel skizziert das Zusammenleben der Familie Borden und ihrer Angestellten sehr gut. Ebenso wird klar, warum Benjamin ein Teil dieser Tage dort im Haus der Bordens wurde.

Ich muss gestehen, das mir zu Beginn nicht klar war, welches Alter die Schwestern Emma und Lizzie haben, sie hätten ebenfalls eine Jugendliche und junge Erwachsene sein können. Ihr Verhalten passte nicht ganz zu ihrem Alter und war doch stimmig für ihre jeweiligen Figuren, zumal es im Roman auch vielmehr von den zwischenmenschlichen Ebenen, ihre Beziehungen zueinander, das gemeinsame Leben handelt und die Morde der Ausgangspunkt sind, um hinter die verschlossenen Türen des Anwesens zu blicken.

Das Haus hielt uns gefangen.

Seite 296

So fühlte sich auch das Lesen an, Gefangene des Hauses, Menschen deren Wege immer wieder dorthin zurückführten oder nie von dort wegkamen. Das Zusammenleben ist von Spannungen bestimmt, ohne Wärme und Fürsorge. Weder die Schwestern untereinander, noch die Familie miteinander. Lizzie ist die jüngste Tochter, sie lebt in den Tag hinein und achtet in erster Linie auf ihre Bedürfnisse und Wünsche. Ihre Schwester Emma dagegen ist fast selbstlos, stellt ihre Träume hinter die der kleinen Schwester. Ihr Vater Mr Borden reagiert mit Einschüchterung und Gewalt, wenn er keine Argumente entgegenbringen kann. Noch stiller ist Mrs Borden, seine zweite Frau, nachdem die Mutter von Emma und Lizzie verstorben war. Die Eltern blieben mir etwas zu blass, wo es doch genau diese Menschen sind, die zu Beginn der Geschichte ermordet wurden.

Mir ist es bewusst das es besonders um Lizzie und Emma geht, um ihre Beziehung zueinander, ihr Innenleben und all das was daraus folgte. Dennoch sind Mr und Mrs Borden zu sehr im Hintergrund, hier hätte die Autorin ein noch weitaus intensiveres Familienbild skizzieren können. Der Roman ist nicht auf die Aufklärung konzentriert, auch wenn es eine fiktive Antwort gibt, vielmehr blickt die Autorin auf diese Familienkonstellation und wie sich die Situation so zuspitzen konnten, wenn die Tat denn aus dem engsten Umfeld begangen wurde.

Die Perspektiven von Bridget und Benjamin geben keine Antworten, dafür jedoch einen guten Einblick in die familiären Verhältnisse. Sie schildern ihre Beobachtungen und skizzieren dadurch eine gebrochene Familie. Dies ist der Mittelpunkt der Geschichte, macht die Ereignisse aber nicht weniger brutal. Die Beschreibungen des Mordes, der Leichen und den Tatorten sind nicht verschönt oder nett umschrieben, sondern schildern klar was geschehen sein musste. Die Morde sind neben der Gewalttätigkeit des Vaters der physische Schmerz in der Geschichte, der psychische Schmerz geht ebenso tief. Auch wenn unterschiedlichen Sichtweisen sich auf Ereignisse vor den Morden konzentrieren, so ist auch dort tief verwurzelte Gewalt zu finden, von der sich niemand im Haus befreien konnte.

Lizzie, die sich immer in eine Rolle gezwängt fühlte. Emma, die sich nicht wahrgenommen fühlte. Bridget, die nicht gehen durfte. Benjamin, der nicht handeln konnte. Menschen und Emotionen, allein mit der eigenen Wut, dem eigenen Schmerz. Und am Ende das Resultat der eigenen Handlungen.

Ich liebe fiktionale Geschichten, die auf wahren Ereignissen beruhen, unabhängig davon, ob mir diese bereits bekannt sind oder nicht. Dies trägt bei mir einen Teil zum atmosphärischen Lesen bei und die unterschiedlichen Perspektiven lassen einen Spannungsbogen entstehen. Es ist jedoch kein historischer Kriminalroman, nicht gänzlich, da es vielmehr von den Beziehungen der einzelnen Protagonist:innen handelt. Leider sind nicht alle Ereignisse auserzählt, was mich meist nicht stört, hier aber unstimmig war – was sollte das scheinbar schlecht gewordene Essen und die Erkrankung der Familie? Dies blieb mir bis zum letzten Wort unklar.

Nichtsdestotrotz habe ich die Geschichte der Bordens gerne gelesen, habe mit Lizzie unter dem Birnenbaum gesessen, mich mit Emma in ein anderes Leben geträumt, mich mit Bridget versucht loszusagen und mich mit Benjamin im kleinsten Versteck zurückgezogen. Ich bin gespannt auf einen weiteren Roman von Sarah Schmidt.

Rezension verfasst von © Janna

Liest du gerne Bücher die auf wahren Ereignisse beruhen?

BUCHDETAILS



Titel: Seht, was ich getan habe  
Einzelband
Autorin: Sarah Schmidt
Aus dem Englischen übersetzt von:
pociao
Verlag: Pendo | Imprint von Piper
– Weitere Eindrücke –

„Man könnte die ganzen Geschichte als durchweg negativ beschreiben, aber genau das hat mich so positiv überrascht. Sie lässt einen nicht mehr los – die Geschichte um Lizzie Borden!“
(1 Geschichte – 2 Meinungen: Kerstins Rezension)

„Ein historischer Roman, der die Morde am Ehepaar Borden […] aus den Perspektiven unmittelbar Beteiligter thematisiert. Es bleibt ein interessantes Gedankenspiel mit historischen Eckdaten, das mich trotz fesselnder Momente nicht völlig überzeugt.“
(Zeit für neue Genres)
Beitrag teilen mit:
guest
6 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Pink Anemone
20 Tage her

Hallöchen,
da ich ja spontan einen freien Tag habe und mir Janna seit letzter Nacht im Kopf herumspukt, dachte ich mir – schau ich gleich mal vorbei *g*
Janna, Dir ist klar, dass ich das Buch haben muss oder? XD Ich kenne den Lizzie Borden-Fall, jedoch hauptsächlich durch Dokus. Mir ist also die Handlung und auch das Ende bewusst. Nun interessiert mich aber doch was diese Autorin daraus gemacht hat. Daher…schwupps…auf meiner WL, und das ist gerade mal der erste Beitrag. Fängt ja schon mal gut an XD

Liebe Grüße aus Wien
Conny

Nomnivor
21 Tage her

Lizzie Bordon war der erste True Crime-Fall, über den ich je gelesen habe. Damals in einem Kinderbuch meiner Schwester über seltsame Ereignisse :D Dass er Menschen immer noch so fasziniert, finde ich nicht verwunderlich. Wobei ich schon als Kind nicht unbedingt davon überzeugt war, dass Lizzie ihre Familie umgebracht hat. Für mich klang das schon damals so, als hätte man sich Lizzie als Täterin ausgesucht, und dann passend Beweise dazu gesucht, und alles andere außer Acht gelassen. Das trübt auch heute noch einen richtigen Blick, weil niemand andere Evidenz gesammelt hat. Das Haus ist heutzutage ein BnB, das eigentlich ganz… Read more »

Nicole
23 Tage her

Hallo Janna,

und ich hatte schon gehofft, du hättest die Antworten auf meine Fragen zur Hammelsuppe gefunden. Was ich schon über diese Suppe nachgedacht habe. Vielleicht als Symbol für das schleichende Gift innerhalb der Familie?

Mir war’s zu merkwürdig, obwohl ich gefesselt war.

Liebe Grüße,
Nicole