„Pepper-Man“ | Camilla Bruce

— Rezensionsexemplar —
Das Buch wurde mir vom Droemer Knaur Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Schleier der Wahrheit

Dies ist die Geschichte der verstorbenen Cassandra Tipp. Cassandra war erfolgreiche Autorin, exzentrische Tante – und angeklagte Mörderin. Sie hinterließ ihren Nachfahren ein Buch, das ihre Geschichte erzählt. Eine Geschichte von Pepper-Man, dem Wesen aus dem Wald, das Cassandra beschützte; eine Geschichte von blutigen Nächten und magischen Geschenken; eine Geschichte von Ehemännern aus Zweigen und Steinen. Und die Geschichte von Kindern, die im Wald verloren gingen.
Oder vielleicht doch eine Geschichte über ein kleines Mädchen, das im Schatten eines dunklen Waldes und furchtbarer Erinnerungen aufwuchs?

Inhalt laut Verlag

Bevor ich auf den Inhalt eingehe, möchte ich betonen, dass mir eine Triggerwarnung fehlt. Oder zu mindestens ein Hinweis was die Leser:innen innerhalb der Geschichte erwartet, auch wenn es nicht beschrieben, sondern nur vermutet wird! Ebenso bedarf es einem Nachwort, welches leider nicht zu finden war. Die Autorin beschreibt ein fiktives Leben, doch das, was darin thematisiert wird, kann der Realität entsprechen und ist nur ein Mechanismus von vielen. Auf Seite 51 beginnt eine leise Ahnung, was sich hinter Cassandras Worten verbirgt, auf Seite 73 wird es gezielt benannt:

*KLICK MICH, um den aufklappbaren Triggerhinweis zu lesen* Die Geschichte skizziert eine mögliche Reaktion nach einem sexuellen Missbrauch. Die Protagonistin wurde, so vermutet der Therapeut, von ihrem Vater vergewaltigt und verarbeitet dies in Wahnvorstellungen.

Davon abgesehen hat mich die Geschichte gänzlich in ihren Bann gezogen! Ich ahnte nicht, was sich zwischen den Zeilen verbirgt und wurde zunächst von dem sehr ansprechenden Cover gelockt. Der Klappentext tat sein übriges und versprach etwas Mystisches oder Worte, die die Wahrheit verschleiern. Somit lässt sich vielleicht erahnen, was Cassandra zu erzählen hat?

Wisst ihr, ich wollte einfach, dass jemand es weiß. Dass jemand meine Wahrheit kennt, nun, da ich fort bin.

Seite 17

Das Buch beginnt mit dem Zeitungsartikel in dem über Cassandra Tipps Verschwinden berichtet wird, bei dem die Polizei glaubt, sie sei tot. Darauf folgt ihr Testament und geht in das von ihr hinterlegte Manusskript über. Ein Manuskript welches sie für ihre Nichte und ihren Neffen verfasst hat. Das Manusskript ihres Lebens.

Am Ende des Buches wird nicht aufgeklärt, ob Cassandra tot ist oder wo sie ist. Aber es schildert ihr Leben, ihre Wahrheit. Dies macht mitunter die Atmosphäre aus, denn Cassandra skizziert ihr Leben, baut wörtliche Rede ein und ist dabei im Zwiegespräch mit Nichte und Neffe. Sie erzählt von ihrer Kindheit, wie sie aufwuchs, wie sie unter Mordanklage stand und erschafft im Verlauf dessen zwei Wahrheiten. Die der Außenstehenden und ihre eigene.

Wahrheit ist etwas Unbeständiges, nicht wahr? Sie ist subjektiv, verändert sich ständig, als wäre sie ein lebendiges Wesen.

Seite 135

Unsere Psyche hat Fähigkeiten, über die wir uns gar nicht bewusst sind, es kann unter anderem eigene Wahrheiten erschaffen und das ist es, womit sich die Autorin Camilla Bruce in ihrem Buch befasst.

Ich kann die Geschichte nicht weiter besprechen, ohne dabei detailliert auf den Inhalt einzugehen. Somit findest du weiter unten ein kleines Fazit und solltest das Lesen ansonsten hier beenden und runterscrollen, wenn du das Buch selbst noch lesen möchtest!

SPOILER-Rezension

Wenn du nun hier weiterliest, willst du das Buch entweder nicht lesen oder hast es beendet, denn ich werde nicht mehr markieren, wenn ich etwas über den Inhalt verrate!

Cassandra spricht nie von Kindesmissbrauch, sie sagt selbst, dass sie nicht weiß, was geschah. Sie kann sich nicht an das erinnern, was ihr Therapeut vermutet. Doch mit der Zeit gibt es in ihrer Wahrheit eine Vielzahl an Hinweisen, manchmal versteckt, manchmal offensichtlich, doch nie mit einer Antwort auf die offenen Fragen.

Zwar wirkt die Geschichte zunächst mystisch, im Fantasy-Genre zu Hause, doch nach und nach wird der Schleier dünner. Was wirklich geschah, wird nie erzählt, doch Cassandra berichtet über ihre Sitzungen mit Dr. Martin, erzählt was er glaubt und wie er versucht, Cassandras erschaffene Wahrheit mit der Realität in Einklang zu bringen. Cassandra lässt es zu, hält sich jedoch an ihrer Wahrheit fest.

Mich hat diese gesamte Geschichte eingenommen und eigentlich bin ich für mehr realitätsnahe Bücher bei sexuellem Missbrauch. Doch auch dies ist ein Teil der Realität, Verdrängung, Traumata in eine neue, andere Wahrheit umwandeln. Eben dies wird im Verlauf sehr deutlich. Die Tabletten, die ihr den Zugang zum Feenreich verwehren, der Geruch von Pepper-Man und der des Vaters. Der Arztbesuch und die Nacht darauf im Feenhügel.

In der Danksagung heißt es, das Autorin Camilla Bruce das Manusskript selbst zu seltsam fand, um es zu veröffentlichen. Dies sagt mir, dass sie sich anscheinenden gar nicht auf psychologischer Ebene mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt hat. Wäre eigentlich ein Kritikpunkt meinerseits, doch möchte ich ihre Recherche nicht ausschließen, nur weil in der Danksagung dahingehend nichts erwähnt wird.

Was mich jedoch störte, waren zwei Ereignisse. Mich verwirrte die Szenerie in der Dr. Martin den Feentee probiert und sagt, dieser sei Alkohol. Bei der zweiten Tasse schmeckt er Wasser und Gras. Ich hätte mir gewünscht, dass es keine zweite Tasse gegeben hätte und Cassandra behauptet hätte, für Menschen ohne Feen an ihrer Seite, schmecke dieser so. Mehrfach wird Cassandras Wahrheit gegen die des Therapeuten gestellt, was mir ungemein gut gefiel. So blieb die Ernsthaftigkeit der Geschichte bestehen und skizziert zwar grob aber gelungen, wozu der menschliche Verstand fähig ist. Diese Situation jedoch revidiert dies ein wenig.

Dann wäre da noch Cassandras Bruder Ferdinand. Die gesamte Geschichte hindurch sehr blass, nicht greifbar, mit einer großen Rolle zum Ende hin. Diese ganze Szenerie störte mich beim Lesen irgendwie, auch wenn Cassandra auf Seite 212 Vermutungen anstellt, wie Dr. Martin dies deuten würde. Es war zu umfangreich. Ich mag diese offenen Fragen der Geschichte, die Unwissenheit was wirklich geschah und wie viel sich davon nur in Cassandras Kopf abspielte. Da es aber auch unbeantwortet bleibt, ob und welche psychische Erkrankung sich bei Cassandra entwickelt hat, ist es für mich als Leserin schwerlich greifbar, was die Ereignisse rundum Ferdinand wirklich erzählen. Vielleicht war es kein guter Zug der Autorin, das Dr. Martin bereits zuvor verstarb und dies nicht mehr analysieren konnte.

Cassandrsa Familie könnte als blass skizziert bezeichnet werden, doch eben dies liegt auch daran, das sie sich von ihnen distanziert hat. Ihre (Vorzeige-)Schwester, mit der sie keine Gemeinsamkeiten hatte. Ihr in sich gekehrter Bruder. Ihr schweigsamer Vater. Ihre Mutter die sie immer maßregelt. Und auch Tommy, ihr Ehemann, nicht greifbar. Und doch werden die Rollen durch Cassandras Beschreibung deutlich. Diese Menschen jedoch sind jene, die ihr den größten Schmerz zugefügt haben und so nehmen sie in ihrer Wahrheit keine bedeutende Rolle mehr ein. Cassandra verdrängt und je weiter sie die Menschen in ihrem Umfeld ausgrenzt, umso mehr kann sie sich ihren Feen hingeben.

Dies macht für mich einen großen Teil der Geschichte aus, der Fokus liegt einzig auf Cassandra. Ebenso das die Geschichte mit Pepper-Man beginnt und Dr. Martin erst später hinzukommt, sagt mir zu. Für Cassandra gibt es kaum Erinnerungen an ein Leben ohne Pepper-Man. Ein Wesen, das sie liebt und ihr doch Schmerz zufügt, da hätte ich schon ahnen können, wohin es sich entwickeln könnte. Für Cassandra ist Pepper-Man die Wahrheit und für mich ist die Geschichte eine gelungene wenn auch in diesem Falle fiktive Geschichte, in der Pepper-Man mehr als deutlich den Vater verkörpert. Geschenke von denen sie sich nicht trennen kann, die von ihm meist am nächsten Tag kamen, wenn er nachts zuvor in ihren Hals biss. Wenn er nachts ins Zimmer kam, nicht mehr liebevoll, sondern gefährlich.

Ich hatte mich gefragt, wie die Geschichte wohl enden wird. Cassandra ist verschwunden, das Manusskript bereits ein Jahr alt. Ich vermute, dass das Manusskript ein umfangreicher Abschiedsbrief ist und sie irgendwo in den Tiefen des Waldes Selbstmord begangen hat – dies ist jedoch nur meine Spekulation. So wie auch einige Szenen im Buch nur (individuelle) Interpretationen sind. Ein Schleier über der Wahrheit.

Fazit

Ich hätte mir sprachlich etwas mehr Intensität gewünscht, dennoch bin ich absolut darin eingetaucht. Zum Ende hin verliert das Buch etwas an Atmosphäre, worüber ich beim Lesen auch minimal stolperte, aber der Autorin Camilla Bruce ist es gelungen eine einnehmende Geschichte zu verfassen und ich hoffe sehr, das auch „In the Garden of Spite“ übersetzt wird!

Rezension verfasst von © Janna

Wirst du dich zu Pepper-Man wagen?

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Titel: Pepper-Man
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Camilla Bruce
Verlag: (Droemer) Knaur Fantasy

– Weitere Eindrücke –
WeltenwandererLetterheart
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6 Comments
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LeseWelle
3 Tage her

Hallo Janna!
Du machst mich wirklich neugierig auf das Buch. :)
Werde mir noch eine andere Rezension ansehen und dann entscheiden, aber deine hat mir schon sehr gefallen. Könnte was für mich sein. ;)
Liebe Grüße
Diana :-*

Nicole
10 Tage her

Guten Morgen, Janna!

Ich war von diesem Buch sehr beeindruckt und absolut überrascht. Vom Cover her hätte ich niemals vermutet, dass es in diese Richtung geht.

Ich finde die blasse Familie sehr gut gelungen. Dadurch, dass sich Cassandra ausgrenzt bzw. ausgegrenzt wird, nimmt sie die Familie selbst wohl nicht intensiver wahr. Das wird meiner Meinung nach gut zum Leser transportiert.

Liebe Grüße,
Nicole

Aleshanee
11 Tage her

Hi Janna, eine sehr intensive Rezension zu einer äußerst intensiven Geschichte. Wir sehen sie auf jeden Fall ähnlich in den meisten Punkten … bei einigen Rezensionen, die ich bisher gelesen hatte, hatte ich das Gefühl, ein völlig anderes Buch gelesen zu haben. Diese emotional tiefgreifenden Zwischentöne sind wohl nicht von allen wahrgenommen worden, aber für mich waren sie äußerst deutlich spürbar. Vom Klappentext her hätte meiner Meinung nach auch irgendwie etwas darauf hinweisen sollen, auf was man sich hier einlässt, denn mich hat es total kalt erwischt. Ich hatte in manchen Szenen auch wirklich ein ungutes Gefühl, aber ich war… Read more »