„Mit mir die Nacht“ | Michaela Kastel

— Rezensionsexemplar —
Die Bücher wurden uns vom Emons Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Unsere Rezension basiert ausschließlich auf unseren persönlichen Leseeindrücken und wird durch die Bereitstellung eines Buches nicht beeinflusst.


*KLICK MICH, um die Triggerhinweise zu lesen* sexueller Missbrauch / Vergewaltigung, Folter

Madonna hat nach ihrer Rückkehr nur einen Gedanken: Sie muss ihren Vater finden und so die Hetzjagd auf sie beenden. Doch alle Spuren verlaufen im Nichts. Bis sie Jaxx in die Hände fällt. Er ist einer der Teufel und hat den Auftrag, sie zurück nach Hause zu bringen. Denn das Schlachthaus existiert noch immer. Und mit ihm eine gnadenlose neue Feindin …

Inhalt laut Verlag

Kerstin und mich hat „Ich bin der Sturm“ (Rezension) absolut einnehmen können und so konnten wir nicht widerstehen, als der emons-Verlag uns fragte, ob wir auch den Folgeband lesen möchten. Momentan ist es sehr ruhig auf unserem Blog, das Lesen und Hören von Geschichten steht momentan nicht im Fokus, da wir zu sehr kopfüber in unseren Leben stecken. Doch Michaela Kastels Buch scheint genau zum richtigen Zeitpunkt den Weg zu uns gefunden haben, denn kaum begonnen, konnten wir schwerlich pausieren!

Dennoch zog sich das Lesen, die Rezension ließ auf sich warten. An dieser Stelle ein Dank an Verlag und Autorin, die sehr geduldig mit uns waren und uns Zeit gaben! Wir hoffen, dass sich das Warten gelohnt hat. Eine Gesprächsrezension ist nochmals zeitintensiver, doch wir wollten es uns nicht nehmen lassen und eine weitere Buchbesprechung in unserer Kategorie Besondere Rezensionen verfassen – uns bringt es unheimlich viel Freude sich nicht nur über eine Geschichte auszutauschen, sondern in ein richtiges Gespräch zu vertiefen. Mach es dir gemütlich, nimm ein leckeres Getränk in die Hand und setzt dich zu uns!

Lieber Schmerz als Gehorsam.

Seite 8

Janna: Michaelas Geschichten sind sehr düster, immer behaftet von Schmerz und doch muss ich sagen, dass sich ihre Worte leicht lesen lassen, mich nach wenigen Sätzen für sich einnehmen. 60 Seiten in einem Zuge zu lesen, besonders nachdem ich so lange keine Lust zum Lesen hatte, sagt wohl alles. Natürlich war ich neugierig auf das, was im Folgeband geschehen wird, aber auch ihr Schreibstil nimmt mich gänzlich ein. Und schon fies gut gemacht der Anfang! Erst mit Anja zurückzukehren, um dann ein paar Wochen zurückzuspringen. Ich muss gestehen, dass ich mir wegen Jaxx unsicher bin, gab es ihn schon in Band I? Nicht nur das der gesamte Ring nach Anja sucht, nun hat Jaxx auch persönliche Gründe sie zu finden und ich erahnen einen bösen Verlauf, bin mir nur noch nicht sicher in welche Richtung dieser gehen wird.

Kerstin: Wie krass, ich hatte kaum angefangen und war sofort wieder in der „alten“ Geschichte gewesen. Ganz viele Erinnerungen kamen wieder empor gekrochen und ja, ich gebe dir absolut recht Janna, der Schreibstil ist so gnadenlos düster. Was mich daran fasziniert, ist nach wie vor die Kunst etwas Grauenvolles zu beschreiben, ohne die Worte an sich auszudrücken. Der erste Abschnitt ist wieder „gespickt“ mit den unausgesprochenen oder ungeschriebenen Situationen und erneut kann ich alles zwischen den Zeilen lesen. Das Buch hat mich gefangen und ich bin inmitten all dieser Gestalten mit ihren Hörnern, beobachte, versuche herauszufinden, was da noch kommt und kann es kaum erwarten weiterzulesen! Bei Jaxx bin ich sehr gespannt, zieht er seine Trumpfkarte?

Janna: Das liebe ich auch! Die Autorin hat ein absolutes Talent dafür Szenen zu beschreiben, ohne genau zu benennen, was geschieht. Sie macht es, aber nicht bei allen Szenen und wie sie es umschreibt, holt mich absolut ab. Was Jaxx betrifft, bin ich sehr gespannt auf den Verlauf, seine eventuelle Entwicklung und ob er tut, was er vorhat. Noch mehr habe ich jedoch Moonlight im Blick. Zunächst war ich fasziniert, da sie nichts preisgibt, doch was sich nun auf den Seiten 123-124 entwickelt überrascht mich zwar nicht, ließ mich jedoch dennoch den Atem anhalten.

Vieles ist verboten. Das Problem sind die Menschen. Manche sind zum Töten geboren.

Seite 117

Kerstin: Moonlight ist auch eine der Figuren im Buch, die (mir) immens wichtig ist.
Mit den Seiten 123-124 hat mich die Autorin mich auch sehr erschrocken.
Oft, bei fiktiven Geschichten, frage ich mich, wie viel Realität darinnen steckt und ganz oft ertappe ich mich dabei, dass ich es doch lieber nicht wissen will. Dabei ärgere ich mich, schließlich will ich über den Tellerrand schauen und ja, in dieser „Welt“ in der Madonna, Moonlight, Jaxx und viele andere unterwegs sind, geht es vermutlich genauso und vielleicht noch schlimmer zu. Ein hartes Thema, doch damit auch ein Tabu?
Auf jeden Fall macht mich jede weitere Seite neugierig und ich ertappe mich dabei, die Geschichte, wenn ich eine Pause einlege, selbst weiterzuspinnen. Was würde ich tun? Wie weit würde ich gehen? Da ist ganz viel Angst zwischen den Seiten, Madonnas Angst vor ihren Peinigern, aber auch diese Stärke, wobei eine Frau nicht dadurch stark gemacht werden sollte, indem sie solch furchtbaren Dinge erleben muss oder musste.
Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, es ist echt harter Tobak! Aber verdammt gut geschrieben.

Janna: Ich finde schon, dass dies zu den Tabu-Themen zählt. Unsere Welt lebt das Motto sex sells, spricht kaum darüber, verurteilt und schweigt. Ich finde es gut, dass Michaela dies von der Seite der Frauen, und im ersten Band auch der Männer zeigt, wobei sie daraus einen Thriller skizziert und sich somit einer Thematik in der Prostitution nähert, die innerhalb solch eines Buches nicht aufgearbeitet werden kann. Was ich persönlich aber auch nicht erwarte. Dafür skizziert sie zwei Frauen, die einen ähnlichen Schmerz durchleben und sich doch so sehr voneinander entfernen. Ich bin da ganz bei dir, mir widerstreben eigentlich Geschichten, bei denen die (weiblichen) Protagonistinnen erst stark werden, in dem sie Schmerz erleiden. Hier ist es jedoch für mich anders, zumal Anja / Madonna, darin geboren wurde, wenn auch die Folter und Gewalt erst in ihrem späteren Leben ihr Mittelpunkt wurden. In diesem Band ist sie, zu mindestens nicht nur, stark durch das, was sie erlitt, sondern um zu vermeiden, dass anderen Menschen diesem Schmerz erleiden müssen. Wobei das Wort Schmerz nicht mal im kleinen einfängt, was die Frauen erleiden mussten. Was mich besonders an Michaelas Stil fasziniert ist dieser schmale Grat zwischen Angst und Hoffnung, Sicherheit und Hilflosigkeit, Hass und Liebe. Und es ist stimmig in sich, geht Hand in Hand und die Emotionen tragen die Geschichte.

Kerstin: Emotionen, das war mein Stichwort! Die Fülle davon im Buch ist gigantisch.
Gerade wenn es um die Gedanken einzelner Figuren geht, empfinde ich beim Lesen so viel davon. Die Ängste kommen mir immer ganz leise, fast geflüstert vor, als wollten sie nicht dabei ertappt werden. Dagegen ist die Wut und der Hass sehr laut und deutlich spürbarer. Auch die Assoziationen, die Anja/Madonna in ihrem Umfeld zu spüren scheint, bilden bei mir ein Kopfkino – ich erwähne da nur einmal die Hörner.
Ihre Menschenkenntnis ist geprägt von unaussprechlichen Dingen und es imponiert mir sehr, wie gekonnt die Autorin den schmalen Grat zwischen unnötiger Effekthascherei und notwendigen Beschreibungen geht. Sie ist wirklich gnadenlos und lässt ihre Menschen im Buch sehr leiden, worauf ich wirklich warte ist, dass sie den Spieß umdreht. Wobei auch dies wieder mit Emotionen einhergeht, nur dass ich mich wieder fürchte, um die ein oder andere Person in dieser Geschichte, weswegen es auch für einen Pluspunkt von mir gibt.
Der Thriller ist wirklich blutig und böse, stell dir vor, wie es in einem Film wirken würde, mit all den düsteren Orten, wie dem Schlachthaus, das Institut, dem Club … hörst du die Musik?

Immer diese Wut, nachdem er sie berührt hat. Weil er nichts dabei fühlt, während sie alles fühlt.

Seite 168

Janna: Ich fand die Hörner bereits im ersten Band eine starke Symbolik und sie transportiert gekonnt die Bilder, wenn ich bei deinem Hören der Clubmusik bleibe. Und absolut, eine Verfilmung könnte ich mir gut vorstellen. Wobei mir das Innenleben der Figuren zu sehr fehlen würde, denn eben diese Beschreibungen tragen für mich die Geschichte. Und die Abstraktionen sowie die Verbildlichung von Emotionen. So sehr ich immer wieder Filme oder Serien zu Büchern haben möchte, die wenigsten nehmen mich ein, wenn ich die Geschichte kenne und lasen mich (etwas) enttäuscht zurück. Ich glaube, hier wäre es nicht anders. All das nicht gesagte zwischen den Zeilen könnte nicht transportiert werden. Und besonders Moonlight würde verblassen in einem Film. Ihr Schmerz und besonders ihre Entscheidung sich dem Abgrund zu nähern, jemanden anders dort hineinzuwerfen, das würde nicht mehr so stark schmerzen. Und ihr Gefühl des Alleinseins, die Wut, die sich daraus Bahn bricht, wäre nur noch ein Echo.

Kerstin: Es ist wohl eher mein eigenes Kopfkino, welches beim Lesen dieses Buches und ähnlicher „explodiert“. Da ich kaum Fern sehe und auch keine Serien schaue, eher wegen der Zeit, als wegen der Lust darauf, transportiere ich es eben in meinen eigenen Bildern und ja, auch hier gebe ich dir wieder recht – ein Film kann Gedanken und Emotionen kaum so hervorheben, wie das geschriebene Wort.
Der Thriller ist untypisch in seiner Art. Die Thematik und so manche der Figuren polarisiert enorm. Seltsamerweise sehe ich die einzelnen Personen gar nicht bildlich vor meinem inneren Auge, alle sind eher in Schatten getaucht und verschwommen. Dafür sorgen viele der Situationen, Orte und selbst Gedanken für Bilder in meinem Kopf.
Es heißt ja oft „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ und genau dies schafft die Autorin mit ihrem Schreibstil.
Apropos Bild – Janna, du hast grandiose Fotos gemacht, ich bin begeistert!

Janna: Das Kompliment gebe ich an meine Tochter weiter, aber du hast recht, auch wenn ich mich selbst nicht gern auf Fotos sehe, diese sind wirklich sehr gelungen!
Ich muss gestehen, dass ich fast nie Gesichter der Charaktere vor Augen habe, immer nur ein grobes Bild, egal bei welchen Geschichten. Sobald ich aber eine Verfilmung sehen, kann ich direkt sagen, ob die Schauspieler*innen für mich passen oder nicht. Aber bei „Mit mir die Nacht“ würde mir einfach zu viel vom Innenleben verloren gehen, denn da liegt für mich die besondere Stärke von Michaela Kastel. Sie umschreibt sehr bildgewaltig die Gefühlswelten ihrer Protas.

Er kann ihr Gefühle beinahe selbst spüren, so nackt liegen sie auf ihrem Gesicht.

Seite 201

Kerstin: So langsam nähern wir uns dem Ende der Geschichte und obwohl wir hier viel redschreiben, haben wir über den eigentlichen Inhalt gar nichts verraten.
Finde ich gut, so laufen wir gar nicht erst Gefahr zu spoilern. Der Klappentext ist gut gewählt und gibt nur ein bisschen preis, was die Leserschaft erwartet.
Im Inneren haben mir die kurzen Kapitel sehr zugesagt. Immer auf den Punkt, ab und zu ein Cliffhanger und gute Übergänge.
Dass Madonna in der Ich-Form erzählt, die anderen Figuren dagegen erzählt werden, sticht auch noch einmal heraus. Den Showdown erwarte ich mit Spannung, insbesondere da es keinen weiteren Band dazu geben wird. Ob ich Taschentücher brauchen werde?

Janna: Ich denke auch, dass wir einen Einblick gegeben haben, jedoch ohne wirklich etwas zu verraten. Da es sich um den zweiten Band handelt, müsste ich den Klappentext hierzu erstmal lesen, ehrlich gesagt, hab ich das nie. Für mich war klar, dass ich dieses Buch auch lesen will. Es hat mich wieder eingenommen, wobei der erste Band für mich eindringlicher und intensiver war. Und das Ende hätte für mich persönlich auch anders verlaufen können. Es ist stimmig, wenn auch sehr allumfassend. Fragen hätten offen bleiben, die Dunkelheit als Schatten flackern dürfen. Aber dies ist oft so in diesem Genre, die Enden können mich fast nie gänzlich überzeugen, irgendeine Kritik habe ich immer. Entweder ist es mir zu überzogen, im Ausgang zum Verlauf zu soft oder ähnliches. Ein wenig davon fließt für mich auch hier mit rein, wobei ich natürlich nicht verraten werden, was davon. Und es mag anderen absolut gefallen oder brauchen eben genau solch einen Ausgang, ich jedoch nicht. Für mich darf sich Dunkelheit darüber legen. Nicht immer, aber bei manchen Geschichten wäre es einfach sehr passend bzw. passender zum vorherigen Verlauf. Wobei ich mich jetzt nicht alleinig auf das Ende dieses Buches dabei beziehe. Wie hast du es empfunden, bei eben diesem Buch?

Kerstin: Beim ersten Band war ich hin und weg, ob der bildreichen Beschreibungen der Autorin und dieser, bereits erwähnten Kunst, Dinge und Situationen zu beschreiben und Metaphern zu schaffen. Dass ich den zweiten Band lesen würde, war mir auch absolut klar und ich bin kein Stück traurig, dass es nun ein Ende mit dieser Geschichte hat. Natürlich hat es mir wieder gefallen und mich einige Zeit tief in das Buch hineingezogen. Definitiv wieder ein Buch, dessen Geschichte bei mir bleibt. Immer wenn ich das Cover sehen werde, den Namen der Autorin irgendwo lese oder sonst eine Thematik in dieser Richtung mir zufällt, werden wieder die Hörner und bestimmte Namen auftauchen. Das Ende habe ich so erwartet, wenn auch nicht unbedingt vorhergesagt. Worte, die berührten und ein klein wenig in dieser doch sehr düsteren Geschichte die Schatten verdrängte.
Das geschriebene Wort steht, damit kann ich mich arrangieren, auch mit dem Ende in dieser Geschichte. Es ist nicht meine Geschichte, sondern Madonnas! Anjas Geschichte.

Ich gebe dir einen Tipp, kleiner Engel. Lass die Toten dort, wo sie hingehören: im Herzen und nicht im Kopf.

Seite 201

Und dort bleiben sie, die Toten und die Lebenden, denn es wird kein Wiedersehen geben, die Dilogie ist mit diesem Band abgeschlossen. Beide Teile haben wir gemeinsam gelesen und uns intensiv ausgetauscht, denn Michaela Kastel befasst sich in ihren Büchern mit eindringlichen Themen und so bietet sich viel Raum für den Austausch. Beide Bücher haben uns eingenommen, denn schon der Stil der Autorin begeistert uns rundum. Wir sind bereits gespannt auf weitere Zeilen von ihr! Es darf auch düsterer am Ende sein, als wir es sonst von ihren Geschichten gewohnt sind. Ob „Mit mir die Nacht“ jedoch am Ende das Tageslicht durch die Baumwipfel leuchten lässt oder in tiefer Nacht versinkt, wirst du nur erfahren, wenn du dich selbst hineinwagst.

Welche Bücher von Michaela Kastel empfiehlst du?

BUCHDETAILS
Titel: Mit mir die Nacht
Buchreihe: 2. Band
Autorin: Michaela Kastel
Hardcover: 288 Seiten
Verlag: emons
Madonna-Reihe:
Band 1 ~ „Ich bin der Sturm“
Band 2 ~ „Mit mir die Nacht“

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4 Kommentare
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Melanie
7 Monate her

Ich mag die Rezis in denen ihr beide euch über ein Buch unterhaltet. Das ist nochmal ein bisschen was anderes als wenn eine von euch beiden eine Rezi schreibt.
Das Buch würde mich jetzt nachdem ich euer Gespräch gelesen habe, nicht so reizen.

Und die Fotos sind der Hammer Janna!

Last edited 7 Monate her by Melanie
Anja
Anja
7 Monate her

Hallo Ihr 2,

da habt Ihr ja eine großartige Besprechung online gestellt. Gefällt mir richtig gut.
Spätestens jetzt würde ich mir das Buch auch holen.

LG Anja