„Mariannengraben“ | Jasmin Schreiber

Das Buch wurde mir vom Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Tiefe

Paula braucht nicht viel zum Leben: ihre Wohnung, ein bisschen Geld für Essen und ihren kleinen Bruder Tim, den sie mehr liebt als alles auf der Welt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der sie in eine tiefe Depression stürzt. Erst die Begegnung mit Helmut, einem schrulligen alten Herrn, erweckt wieder Lebenswillen in ihr. Und schließlich begibt Paula sich zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise, die sie beide zu sich selbst zurückbringt – auf die eine oder andere Weise.

Inhalt laut Verlag

Es gibt Bücher um die ich einen großen Bogen mache. Solche, die von Trauer und Verlust handeln, manchmal auch Krankheiten und deren letzte Konsequenzen. Diese Geschichten schmerzen mich, bringen Erinnerungen, an die ich mich nicht erinnern möchte und ziehen mich tiefer, als ich es ihnen erlauben könnte.
„Mariannengraben“ könnte dazu gehören, denn es ist eine Geschichte über genau diese Themen und doch war ich schon in einer Vorschau sehr davon angetan. Vielleicht war es das Cover mit diesen leuchtend roten Tentakeln oder einfach nur so eine Art Gefühl, dass es genau zur richtigen Zeit kam und es einfach mal sein musste, für mich und mein Seelenheil.

Manche Dinge sind schlimmer als andere.

Seite 16

Es ist stressig, seit Monaten schon und trotzdem versuche ich mir Ruhe zu gönnen, runterzukommen und nicht in einen extremen Zustand der Erschöpfung zu fallen. Dies klappt bei mir mit Büchern am besten. Auszeiten, in denen ich abtauchen kann und so war „Mariannengraben“ perfekter als perfekt.

Der Einstieg in diese Geschichte fühlte sich an, wie das kurze Testen der Wassertemperatur mit dem Fuß. Es war erst noch kühl, fast kalt, doch mit jedem weiteren Schritt, oder besser gesagt mit jeder weiteren Seite, wurde es wärmer, besser und fühlte sich richtig an.

Helmut hat es herausgerissen! Dieser alte knorzige Mann, der gerade dabei ist seine Helga auszubuddeln und dabei zufällig mit Paula zusammentrifft. Zwei vom Schicksal getroffene Menschen, die da nachts auf dem Friedhof stehen und einfach nicht loslassen können oder möchten. Da beginnt diese Freundschaft, so voller Gegensätze und genau dies machte es so anziehend.
Ein wunderschöner Road Trip, inklusive Wohnmobil, Vierbeiner und jeder Menge Dialoge, Gedanken und Emotionen.
Ihr Ziel ist der Weg oder auch umgekehrt würde passen. Sie helfen sich gegenseitig, hören den anderen, schweifen in fernen wie nahen Erinnerungen und lassen den Tod zum Leben dazugehören.

Das Buch habe ich innerhalb von zwei Abenden gelesen. Komplett weg von dieser Welt, inmitten dem Geschehen um Paula und Helmut, sowie derer beider unendlicher Trauer. Schmerzlich schwebend durch alle Seiten, aber immer wieder aufgelockert durch kleine Szenen, die für Wohlbefinden sorgten.

Ich fühlte mich bei den düstersten aller düsteren Gedanken ertappt, die in letzter Zeit so oft durch mein Hirn wanderten.

Seiten 161

Die Autorin Jasmin Schreiber hat mit diesem Debüt aufgezeigt, dass literarisches Schreiben gar nicht kompliziert sein muss. Sie bedient sich keinerlei unnützer Fremdworte, ausschweifender Inhalte oder gewolltem Schönreden. Sie lässt die Figur Paula selbst erzählen und bringt einen als Leser_in sofort hinein, in dieses Leben der jungen Frau und damit auch in ihre Stimmung. Durch Paulas Augen wird alles sichtbar und durch ihre Gedanken spürbar. So kommt es auch direkt raus, die Depressionen, ausgelöst durch den Tod des kleinen Bruders, wie auch der Widerwille sich dem zu stellen. Dabei bedient sie sich ganz normaler Alltäglichkeiten, wie aber auch besonderen Situationen. Das Kennenlernen von Paula und Helmut ist so außergewöhnlich, die Wahl des Ortes aber sorgsam gewählt.

Sorgsam, so würde ich auch den ganzen Schreibstil beschreiben. Die Thematik geht einfach unter die Haut, entwirft Szenarien, derer sich stellen gar nicht so einfach ist und bringt doch immer wieder einen Weg zum Positiven.
Die unendliche Tiefe des Mariannengraben habe ich nicht gefunden, vielleicht möchte ich auch gar nicht in diese Dunkelheit hinein.
Einen Tim-Fisch würde ich mir aber für Paula wünschen und wer weiß, vielleicht ist er genau da und wartet.

Manchmal sagt es sich so leicht „wäre es nicht so traurig, dann könnte ich jetzt lachen“.
Die Autorin Jasmin Schreiber hat Worte an die Oberfläche getragen, die tief schlummerten und in kleinen Etappen angespült kamen, langsam ausliefen und dabei irgendwie wohltuend versickerten.

„Mariannengraben“ ist kein leichtes Buch und doch hat es etwas schwereloses an sich.

Dann geht das schon.

Seite 252

Rezension verfasst von © Kerstin


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Buchdetails
Titel: Mariannengraben
Buchreihe: Einzelband, 254 Seiten
Autorin: Jasmin Schreiber
Verlag: Eichborn [ Bastei Lübbe]
— Rezensionsexemplar —

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Sunita
4 Monate her

Hi Kerstin, das Buch habe ich wegen des schönen Covers und Titels auch schon in der Buchhandlung bewundert, aber dann habe ich etwas von „schrecklichen Unfall“ gelesen und es wieder hingelegt, denn genau wie du mache ich um traurige Bücher einen großen Bogen. Doch deine Besprechung klingt wirklich gut und ich glaube, vielleicht muss man manchmal auch mal etwas lesen, was genau das beschreibt, wovor man am meisten Angst hat (geliebte Menschen verlieren)? Oder wie war da deine Erfahrung?

Sunita
Reply to  Kerstin
4 Monate her

Eine Leseprobe ist eine gute Idee! :) Ich werde mich mal auf die Suche begeben.

Heike
6 Monate her

Hallo Kerstin,
ich werde mir das Buch nächste Woche als Messe-Trostpflaster gönnen. Diese vielen interessanten Stimmen zum Buch machen mich sooo neugierig!!
Liebe Grüße Heike

Julia (Leselust)
6 Monate her

Liebe Kerstin,
Ich habe schon so gespannt auf deine Rezension gewartet. Ich bin selbst sehr neugierig auf das Buch und habe jetzt so viele verschiedene Meinungen dazu gelesen. Von großes Highlight bis totale Enttäuschung war an Bewertungen alles dabei. Weil ich weiß, dass wir ja oft einen sehr ähnlichen Lesegeschmack haben, hab ich deshalb auf deine Bewertung hingefiebert. Und für mich steht jetzt fest: das Buch kommt auf die Wunschliste.
Danke dir für die schöne Rezension und die gute Entscheidungshilfe. :)
Liebste Grüße und eine schöne, hoffentlich stressfreie Woche. Pass auf dich auf.