„Heilige und andere Tote“ | Jess Kidd

Eine Autorin deren Veröffentlichungen ich alle lesen werde! Zwei Bücher gelesen, zweifach begeistert, ein wundervoller Schreibstil. Unverwechselbar skizziert sie bildgewaltige und atmosphärische Szenen, die mich vollends für sich einnehmen.

Seit dem Tod seiner Frau und den ewigen Streitereien mit seinem Sohn vertreibt Cathal Flood jeden, der sich ihm nähern will. Einst Antiquitäten- und Kuriositätenhändler ist er längst zum Messie verkommen. Sein Sohn hofft, ihn auf Dauer in ein Altenheim verfrachten zu können. Die Neueste in der Riege erfolgloser und unterbezahlter Sozialbetreuer, die Cathal zur Räson bringen soll, ist Maud Drennan. Unter den wüsten Beschimpfungen des Alten zieht sie beherzt gegen Dreck und Müll zu Felde. Doch trotz aller Unerschrockenheit ist ihr Bridlemere unheimlich. Überall im Haus scheinen verschlüsselte Botschaften zu warten. Wie das Foto von zwei Kindern, auf dem das Gesicht des Mädchens ausgebrannt ist. Hat Flood eine Tochter? Wieso weiß niemand von ihr? Und warum hasst er seinen Sohn so sehr? Auch der Tod seiner Frau löst Fragen über Fragen aus.
Maud würde am liebsten alle erdrückenden Hinweise ignorieren. Doch ihre leicht bizarre Vermieterin Renata, die ihr Leben gern Detektiv spielt, und eine Horde marodierender Heiliger, die nur Maud sehen kann, wittern längst ein Verbrechen.

Klappentext

Der Bann von Kidds Worten

Ich war von dem Debüt der Autorin schlichtweg begeistert! „Der Freund der Toten“ (Rezension) fesselte mich, nahm mich ein, unterhielt mich und verzauberte mich! Auch die zweite Geschichte aus Jess Kidds Feder steht dem fast in nichts nach.

Fast, denn ganz so märchenhaft wie ihr Debüt ist diese Geschichte nicht, dennoch konnten mich ihre Worte wieder in einen Lesebann ziehen! Die Art und Weise wie Jess Kidd ihren Worten Leben einhaucht und Bilder in meinen Kopf malte, ist für mich unverwechselbar und sie gehört definitiv schon jetzt zu meinen Lieblingsautor:innen. Ich möchte ihre Geschichten nicht mehr missen und freue mich jetzt schon wahnsinnig auf „Die Ewigkeit in einem Glas“.

Ihr Bücher haben einen Wiedererkennungswert nicht nur aufgrund des Talents und Können der Autorin, sondern auch in Bezug der Thematik. Tote, die die Lebenden umgeben, Rätsel die es zu lösen gilt und Morde die nie aufgeklärt wurden. Doch so einfach in das Genre „Krimi“ lassen sich die Geschichten nicht zwängen. Spannungsroman würde dem ebenso nicht gerecht werden und genau das liebe ich unter anderem an den Büchern, sie lassen sich in kein Regalfach zwängen. Und dann ist da dieser Hauch von einem Märchen, eines für Erwachsene. Zwischen berührenden und humorvollen Szenen ließ ich mich zwischen die Zeilen fallen.

In Bridlemere zaudert die Zeit und weicht zurück, hustend und schlurfend. Hier verwest Geschichte lautlos, und Eleganz welkt höflich vor sich hin.

Seite 30

Maud arbeitet als Sozialarbeiterin und landet, nachdem viele andere bereits in die Flucht geschlagen wurden, bei Cathal Flood. Als das Haus ihr Nachrichten in Form von Fotos sendet, will sie mehr über Cathal und seine Vergangenheit erfahren. An ihrer Seite Vermieterin und beste Freundin Renate, sowie die Heiligen, die nur Maud sehen kann. Zwischen Humor und bildgewaltigen Szenen, wagt Maud den Schritt von der Betreuerin zur Detektivin.

Maud ist erst seit kurzem bei Cathal Flood in Bridlemere und würden ihr die Heiligen nicht auf Schritt und Tritt folgen, wäre sie wohl schon aus dem Haus geflohen. Doch auch ohne die mysteriöse Atmosphäre des Hauses hielten es die Menschen vor ihr nicht lange dort aus. Cathal Flood ist nicht gerade der liebenswürdigste Mann, doch ich fand ihn unglaublich sympathisch. Ich liebe Charaktere mit Ecken und Kanten! Oh ja, er ist unfreundlich, aber dabei auch einfach wundervoll unterhaltsam. Und Maud weiß mit ihm umzugehen, lässt ihm seinen Raum, ohne dabei ihre Aufgaben zu vernachlässigen. Sie hat ihn in die Badewanne bekommen, das mach ihr erst mal nach! Auch die zwei in Kombination zauberten mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.

Allerdings wird schnell deutlich, dass sich etwas hinter den Mauern von Bridlemere verbirgt. Ein Geheimnis, welches das Haus Maud zuflüstern möchte. Sie lauscht und sie ahnt, dass sich nichts Gutes dahinter verbergen mag. Selbst die Heiligen wagen es nicht, in die Nähe von Bridlemere zu kommen, stehen Wache am Tor, um Maud nach Hause zu begleiten.

In Bridlemere bauen Spinnen Netze wie barocke Kunstwerke. Sie hängen überall im Haus wie verschlüsselte Nachrichten.
Doch es ist nicht ratsam, zu viel darüber nachzudenken.

Seite 31

Doch nicht nur Bridlemere hat ein Geheimnis, auch Maud begleitet ein Schweigen. Die Heiligen die nur sie sehen kann, mit stummen Warnungen oder kessen Sprüchen. Damit trifft Jess Kidd genau meinen Geschmack! Ein Hauch märchenhaftes, ein Zauber zwischen den Zeilen und ein Lächeln auf meinen Lippen. Die Heiligen sind immer in ihrer Nähe und besonders St. Valentine lässt es sich nicht nehmen, die Handlungen und Ereignisse rund um Maud zu kommentieren.

Und während sich die Heiligen von Bridlemere fernhalten, beginnt das Haus Maud in das Geheimnis einzuweihen. Nachrichten in Milchflaschen oder auf Spiegeln. Kaum hatte Maud ihrer Vermieterin und Freundin Renate davon erzählt, steckte diese bereits bis zur Nasenspitze in detektivischer Arbeit. Was nun nach einem beginnenden Krimi klingen mag, ist keiner, nicht wirklich, nicht im klassischen Sinne.

Was habe ich gebangt! Maud findet ein Foto, das Gesicht des Mädchens herausgebrannt. Cathal der beharrlich schweigt. Ich wollte nicht, das er für irgendetwas die Verantwortung trägt, eine Tat begangen hat, die ich ihm nicht verzeihen kann.
Renata, die an Mauds Seite ist und plötzlich selbst in Gefahr gerät.
Und Maud selbst, an deren Seite ein Mann steht, über den sie nichts weiß.

Auch dieses Buch sprüht vor wundervollen Charakteren, so unterschiedlich, so einzigartig innerhalb der Geschichte. Jeder Menschen hat etwas Eigenes, Freude und Schmerz in sich vereint, wenn auch nicht immer im Gleichgewicht. Die Zeilen sind nicht nur bildgewaltig, die Worte berühren. Ich litt, wenn es den Charakteren nicht gut ging, ich lachte, wenn sie etwas Unterhaltsames erlebten. Und besonders gut gefiel mir, dass die Transsexualität einer Protagonistin nicht im Fokus, sondern als Normalität für sich stand. Zu selten ist dies in großen und größeren Verlagen zu lesen, wenn es nicht die Hauptthematik der Geschichte ist.

Nicht nur die Charaktere übten einen Zauber auf mich aus, die Geschichte selbst hat mich ebenso eingenommen. Mal wieder ein absoluter Lesegenuss, Jess Kidd hat mich mal wieder verzückt! Auch wenn diesem Buch ein Hauch von dem fehlte, was mich in ihre Debüt-Geschichte hineinzog, so ließ sie mich auch diesmal den Alltag vergessen und nahm mich mit in ihre Welt, in der sich die Lebenden und die Toten begegnen.

Rezension verfasst von © Janna

Kennst du die Bücher von Jess Kidd
oder konnte ich dich zum Lesen wollen verführen?

BUCHDETAILS



Titel: Heilige und andere Tote 
Einzelband
Autorin: Jess Kidd
Aus dem Englischen übersetzt von:
Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
Verlag: DuMont
– Weitere Eindrücke –

„Ich konnte mich trotz viel Humor völlig in der Erzählung fallenlassen, konnte trotz Spannung immer wieder schöne Botschaften finden und wurde trotz Tiefgang gut unterhalten.“
(The Read Pack)

„Miss Marple meets Alice im Wunderland – Jess Kidds Geschichte ist fantasievoll, aber es ist keine Fantasy. Sie ist schaurig und doch ist es kein Schauer-Roman. Es gibt Tote und doch ist es kein Krimi.“
( Bücher-Apotheke)
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Mikka
3 Monate her

Hallo!

Ach, die Rezension klingt einfach wunderbar… Von der Autorin wartet „Die Ewigkeit in einem Glas“ hier schon darauf, gelesen zu werden, aber es klingt so, als sollte ich auch ihre anderen Bücher pronto auf die Leseliste setzen!

LG,
Mikka