„Fremdes Licht “ | Michael Stavarič

Das Buch wurde mir freundlicherweise von dem Autor und dem Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Erinnerungen

Sie ist an einem unbekannten Ort und in einer eisigen, unwirtlichen Umgebung. Erst nach und nach kehrt die Erinnerung zurück, und Elaine begreift, was passiert ist: dass ihr Großvater einst bei den Inuit in Grönland lebte und er sie mit dem Überleben in Eis und Schnee vertraut machte. Dass sie zuletzt für einen Konzern im Schweizer Ort Winterthur tätig war und sich dort als Genforscherin mit der Rekonstruktion von Leben beschäftigte. Dass die Erde während eines Kometeneinschlages zugrunde ging und sie die letzte Überlebende zu sein scheint. Was das alles mit ihrer Urgroßmutter aus Grönland zu tun hat, ahnt sie nicht.

Inhalt laut Verlag

„Fremdes Licht“ und seine 512 Seiten zu beschreiben oder gar zu bewerten ist eine Herausforderung, so wie es auch das ganze Buch ist.
Das Cover stimmte ein, auf die Eiseskälte, den Schnee und das Eis. Doch was hatte dieses Schiff damit zu tun? Erst einmal nichts!

Im ersten Teil des Buches ist die Erzählerin Elaine gefangen in einer unwirtlichen Gegend. Eisige Winde, schmerzende Kälte und eine endlose weiße Landschaft fordern der jungen Frau alles ab. Sie erzählt von dem Weg dorthin, keine Expedition, sondern eine Hals-über-Kopf-Flucht vom Planeten Erde. Dystopische Ereignisse sind in den Schilderungen genauso eingebunden, wie Elemente der Science Fiction. Es ist weit nach unserer Zeit, es gab Kriege, die anders abliefen und doch den immer gleichen Tribut zollten. Es gab Fortschritt, aber keinerlei Lehre daraus. So ist Elaine als einzige Überlebende auf irgendeinem Planeten gelandet und gibt sich dem Überleben hin. Alles was sie aufrecht und am Leben erhält sind ihre Gedanken an vergangene Zeiten. Erinnerungen, die wärmen und somit ihre Lebensgeister aufrecht halten.

In den einzelnen Kapiteln gibt es so viele Informationen, die immer tiefer in das Leben von Elaine und ihrer Familie führte. Als Nachkommin einer Inuit-Gemeinschaft hat sie viel zu erzählen und zu erklären. Traditionen und Riten, das tägliche Leben der Menschen im hohen Norden, ihre familiären Hintergründe und was ihr Großvater sie lehrte.
Es kristallisiert sich irgendwann heraus, dass all dieses vermittelte ihr nun hilft. So weit in der Zukunft und doch immer noch verbunden mit uraltem Wissen.

Von der Sprache her wunderschön poetisch bringt der Autor einen dazu, trotz aller Kälte, eine Wärme zu spüren. Es hatte etwas traumhaftes, deutungsvolles und durch die Seiten schwebten so viele einfache, wie außergewöhnliche Wörter.
Die Silbenschrift der Sprache Inuktitut kommt stetig vor. Einzelne Wörter, die solch eine Aussagekraft haben und einen immer mehr mit der Kultur der Inuit verschmelzen lässt.

Sinnaliuqpuq
versuch zu schlafen, ganz egal, was der Frost auch im Schilde führt

Ein Wort und seine Bedeutung in Inuktitut

Der zweite Teil des Buches bringt dann die Erkenntnis, wozu all die vielen Worte aus Elaines Kopf nötig waren.
Es geht in die Vergangenheit, auf ein Schiff in Norwegen, dessen Weg nach Grönland führt und damit zu der Inuk Uki.
Auch hier wird die Ichform benutzt und somit gibt es wieder sehr viele Informationen, die rein aus den Gedankengängen bestehen und damit einen deutlich höheren emotionalen Wert besitzen.

Zwischen Ukis Worten finden sich Tagebucheinträge, die immer die Signatur des Vogelmanns tragen. Beide ergänzen sich zu einem Ganzen. Bilden die Grundlage von Geschehnissen, die in eben den zukünftigen Generationen liegen und damit auch in Elaines aktueller Situation.

…ich weiß nach wie vor nicht genau, wo ich mich befinde ich weiß nur, dass hier, dass in mir immerzu Winter ist.

Seite 20

Der zweite Teil im Buch hat mich komplett überrascht. Da warte ich auf einen Zusammenhang mit diesem Schiff auf dem Cover und dann befinde ich mich mitten darauf. Eine Schiffspassage zu Zeiten, als Thermobekleidung unbekannt war, ebenso wie die Gefahren in dem ewigen Eis.
Nur ganz wenige Charaktere sind in diesem monumentalen Werk von Bedeutung, Nebenschauplätze und kaum genannte Personen spielen die wichtigen Rollen.

Wer hätte gedacht, dass in diesem Roman ein bekannter Mörder aus Chicago auftaucht oder ein Herr Tesla? Wer hätte erwartet, dass es auf die Weltausstellung geht und erneut in den hohen Norden, damit eine besondere Frau, durch ihre Lebenserfahrungen zu Elaines Lebensretterin in der weit entfernten Zukunft werden würde?

Für „Fremdes Licht“ benötigt es Zeit. Solche zum Lesen und solche zum Verstehen.
Es ist kein Buch für Zwischendurch, dafür halte ich es für viel zu anspruchsvoll. Es lässt Raum für Interpretationen und eigene Gedankenspiele.

Alles ist miteinander verbunden und in „Fremdes Licht“ wird genau dies beschrieben. Viele Worte, die einen anfänglich nicht wissen lassen wohin diese Reise geht und letztendlich doch einen Abschluss bringen.

Ohne Vergangenheit keine Zukunft!

…wer keine Zwischenräume und Nuancen kennt, dem ist doch wirklich nicht mehr zu helfen…

Seite 203

Rezension verfasst von © Kerstin


– Weitere Eindrücke –
folgen •


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Buchdetails
Titel: Fremdes Licht 
Buchreihe: Einzelband, 512 Seiten
Autor: Michael Stavarič
Verlag: Luchterhand [Random House]
— Herzlichen Dank an Autor und Verlag für das Rezensionsexemplar —


Ein bisschen etwas über den Autor:
Michael Stavarič wurde 1972 in Brno (Tschechoslowakei) geboren. Er lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik/Kommunikationswissenschaften. Über 10 Jahre lang tätig an der Sportuniversität Wien – als Lehrbeauftragter fürs Inline-Skating. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, zuletzt: Adelbert-Chamisso-Preis, Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Lehraufträge zuletzt: Stefan Zweig Poetikdozentur an der Universität Salzburg, Literaturseminar an der Universität Bamberg.
(Quelle: Random House Verlagsseite)

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Pink Anemone
4 Monate her

Hallo Kerstin, und wieder bringt mich Euer Monatsrückblick zum Herumhopsen auf Eurem Blog und wieder füllt sich dadurch meine WL Begonnen mit diesem Buch (es gilt abzuwarten, was noch hinzukommt…meine Kommis werden es zeigen XD). Ich liebe ja prinzipiell Wälzer, ergo Bücher ab 500 Seiten, da diese einen so richtig in eine Story eintauchen lassen, mit Haut und Haaren und das für eine längere Zeit. Die Geschichte, oder besser gesagt die GeschichtEN?, klingt unglaublich spannend, tiefgründig, eisig und abwechslungsreich. Hier scheinen Dystopie, SciFi und Histor. Roman auf unglaubliche Weise vereint zu werden, ergo fern von 08/15. Jedenfalls will ich das… Read more »

Pink Anemone
Reply to  Kerstin
4 Monate her

Bei Büchern über 500 Seiten finde ich es nicht schlimm, wenn man länger braucht, um in die Story zu tauchen. Im Gegenteil, dadurch wird das Leseerlebnis für mich dann oft viel intensiver empfunden. Wenn es um Wortgewalt und Schreibstile geht, liebe ich es, wenn diese aus der Masse herausstechen und schon leicht in das literarisch-poetische kippen. Bei manchen Büchern/Storys ist die Spannung oft nur ein Gefühl im Hintergrund, welches jedoch permanent präsent ist. Davon hat man oft mehr, als wenn es temporeich und actiongeladen zugeht. Ich bin auch immer wieder gerne bei Euch, auch wenn dadurch meine WL immer wieder… Read more »