[1 Geschichte – 2 Meinungen] „Elmet“ | Fiona Mozley

Die Zweige knacken unter deinen Füßen, während du dich durch den Wald bewegst und nach unserem Platz zwischen den Bäumen Ausschau hältst. Du ziehst deine Jacke enger und kannst langsam die Äste erkennen, die zum Sitzen einladen. Als du näher kommst, entdeckst du auch uns am kleinen Feuerplatz. Du stellst dich dazu, möchtest dich mit uns über das gelesene Buch austauschen – oder vielleicht möchtest du dich zum Lesen dessen verführen lassen. Gemeinsam setzen wir uns, beginnen am Anfang, mit den Worten die ein wenig in die Geschehnisse der kommenden Geschichte blicken lassen.

John Smythe ist mit seinen Kindern Cathy und Daniel aufs Land gezogen, nach Yorkshire, in die Wälder von Elmet. Dort hegen die drei den Traum von einem anderen, friedvollen Leben. Sie wohnen in einem Häuschen, das sie eigenhändig erbaut haben, mitten in der Natur, nicht weit von der Eisenbahnlinie Edinburgh-London entfernt. Nur manchmal muss der Vater fort zu illegalen Faustkämpfen. In diesen Zeiten, in denen es immer weniger Arbeit gibt im Norden Englands, der einzige Weg, um die Familie über Wasser zu halten. Doch dann steht eines Tages ein Mann vor der Tür, der behauptet, dass alles ihm gehört – der Wald, der Grund und Boden, das Häuschen, in dem sie leben. Ihn kümmert der Wald eigentlich nicht, er bewirtschaftet ihn nicht. Aber er pocht auf sein Recht.

Inhalt laut Verlag

Schmerzhaft schön

Janna: Ich muss gestehen, das mich die Zeilen von Seite zu Seite mehr in ihren Bann zogen und ich an mich halten musste, nicht noch mehr zu lesen, bevor wir uns austauschen. Ich wusste die Familie nicht recht einzuordnen, doch nachdem ich nun etwas über 50 Seiten gelesen habe, ist es etwas wundervoll Schmerzhaftes. Das was vor allem Cathy erlebt und wie ihr Vater darauf reagiert. Es hat etwas Schönes und doch quälendes, wie ihrem Vater bewusst ist, dass keines seiner oder ihrer Worte etwas an dem ändert, was ihr vorgeworfen wird. Dazu die sehr kurzen und doch eindringlichen kursiven Abschnitte, die etwas Böses erahnen lassen. Fast schon hatte ich gedacht, die Geschichte würde ohne wörtliche Rede erzählt, da die ersten dreißig Seiten von ihrem Bruder die Vergangenheit skizziert und nicht in Gespräche abgleitet. Dass nur die wenigen kursive geschriebenen Seiten die Gegenwart sind und sich von der Vergangenheit nach und nach darauf zu bewegt, gefällt mir besonders gut, ich mag es, wenn Geschichten so skizziert sind!

Kerstin: Voll erwischt! Mich hat das Buch auch sofort abgeholt und richtig in diese Familie hinein gezogen. Direkt habe ich angefangen zu hinterfragen, was da geschehen ist, auch durch den Prolog und bin so neugierig. Was ich ja richtig mag, sind diese kleinen Unscheinbarkeiten, das gemeinsam Sein vom Vater und den zwei Kindern und mehr noch dieses Einbinden um die Geschichte des Vaters. Ich ahne, dass es damit etwas auf sich hat und freue mich schon auf die nächsten Seiten. Vom Stil her machen diese Kleinigkeiten es rund, formen erst die Geschichte und geben allem eine Kontur, an der ich mich festhalten kann. Richtig schön, auch wenn es böse werden wird, bzw. schon hier und da etwas im Argen liegt.

Janna: Wir sind absolut einer Meinung! Ich ecke ja eigentlich mit zu detaillierten Beschreibungen an, vor allem wenn dies die Geschichte nicht voranbringt. Doch hier sind die Beschreibung einfach nur stimmig, sind gut gesetzt zwischen dem, was über den Seiten schwebt. Über 100 Seiten gelesen, nichts ist geschehen, außer der Einblick in dieses Familienleben, doch genau dies macht den Reiz aus und lässt mich durch die Sätze huschen. Und gelungen finde ich die sehr wenigen und kurzen Momente der Gegenwart, die einnehmend skizzieren, das etwas Schreckliches darauf wartet zu geschehen.

Kerstin: Mit den Details gebe ich dir recht, da es mir oft so geht und ich gar nicht genau sagen kann, woran ich das festmachen kann. Bei manchen Büchern könnte ich aus der Haut fahren, wenn es zu viele Kleinigkeiten gibt und dann solche, wie dieses hier, wo ich auf alles achte, es einsauge und mich total einlullen lasse. Vielleicht ist es diese kleine Familie, der Umgang miteinander, diese liebevoll kreierten Rituale und dieser unbekannte Schatten, der über allem schwebt. Auch wenn kaum etwas geschieht, wird auf das Große hingearbeitet, da steht etwas im Raum und lässt mich kein Stück kalt, sondern zieht mich immer mehr hinein. Ein leises Buch, mit starken Charakteren, insbesondere der Vater.

Janna: Das hast du gelungen formuliert, gerade diese kleine leise Ahnung ist es, die mich neben dem gelungenem Schreibstil in den Bann zieht und mich das Buch kaum beiseitelegen lässt. Durch die Ereignisse aktuell, das, was der Vater vorhat und umsetzt lässt eigentlich Hoffnung aufkommen. Diese wird jedoch direkt verdrängt, sobald die kleinen gegenwärtigen Einblicke skizziert werden und besonders die Zeilen auf Seite 189 lassen mich die Luft anhalten!

Kerstin: Ich sehe wir sind schon wieder in einem gleichen Leseempfinden, was mich angesichts so unterschiedlicher Bücher, die bei uns einziehen, immer wieder aufs Neue begeistert. Ganz oft denke ich bei besonderen Szenen „ob dies Janna auch so empfindet oder markiert?“ und dann lese ich hier, dass du auch auf Seite 189 den Atem angehalten hast und weiß, dass es wieder das perfekte Buch für unser gemeinsames Lesen ist, auch wenn ich ja mal wieder hinterherhinke. Es ist ein Lesegenuss, wenn stellenweise auch schmerzlich, wobei gerade die Erzählperspektive ungemein gut getroffen ist.

Janna: Ich kann so schwer aufhören, wenn mich eine Geschichte verschlingt und hoffe du fühlst dich nicht zu sehr unter Druck gesetzt, aber ich will unbedingt weiterlesen! Ich bin immer noch fasziniert, wie wenig innerhalb dieser Seiten geschieht, ich aber an keiner Stelle das Gefühl habe, es würde in die Länge gezogen werden. Das innerhalb der kommenden Ereignisse nichts Schönes wartet ist mir bewusst und doch flammte da kurz diese kleine Hoffnung auf, als John seinen Sohn in den Arm nahm und dem Feld den Rücken kehrte. Doch die Nacht endete mit einer schrecklichen Nachricht, sowie auch die gegenwärtige Szenerie sich von der hässlichen Seite zeigt und ich nun vor den letzten Worten stehe und mich zögerlich hineinwage …

Kerstin: Alles gut, ich setze mich beim Lesen nie unter Druck und „Elmet“ ist so eines der Bücher, die ich gar nicht beendet möchte! Deswegen zögere ich es auch so raus. Es ist zu erahnen was kommt und du hast es perfekt ausgedrückt mit dieser Hoffnung, die da umherschwirrt. Meine Güte was habe ich mit und vorallem um John und den Kindern gezittert! Im Buch faszinieren mich ja auch diese Umschreibungen. Gewiss, es ist voller Gewalt, aber die steht zwischen den Zeilen, auch wenn das Blut direkt zu lesen ist. So eine grausam schöne Geschichte bisher.

Janna: Wundervoll beschrieben! Ich bin fasziniert davon, wie schrecklich diese Geschichte ist und wunderschön zugleich! Wie John, der Vater, seine Kinder sich so entwickeln lässt, wie sie sich wohlfühlen, sich selbst nicht verleugnen oder verlieren und was für starke Persönlichkeiten dadurch hervorgehen. Es tut weh und doch kann sich dem Bann dessen nicht entzogen werden, dennoch berührt es das Herz. Und geht auf Zehenspitzen, die gesamte Geschichte, die fast einer Triggerwarnung bedarf.
Das Ende ist absolut stimmig, schmerzhaft, mit diesem Hauch trauriger Hoffnung und für mich genau richtig gewählt.

Unter meinen Füßen die Überreste von Elmet.

Seite 11

Absolute Empfehlung

Die Geschichte hat uns vom ersten bis zum letzten Wort in seinen Bann gezogen und auch nach dem Beenden nicht ganz los gelassen.

Eine gewaltvolle, schmerzhafte und doch wundervolle Geschichte einer kleinen Familie, die mit kleinen Schritten auf eine große Tragödie zugeht …

(Gesprächs)Rezension verfasst von © Kerstin und Janna

Wirst du dich nach Elmet wagen und in den Wald hineinspähen?

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Titel: Elmet  
Einzelband
Autorin: Fiona Mozley
Aus dem Englischen übersetzt von: Thomas Gunkel
Verlag: btb

– Weitere Eindrücke –
Buchperlenblog
Tii & Ana`s kleine Bücherwelt
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2 Kommentare
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Anja
Anja
8 Monate her

Hallo Ihr Zwei!

Was für eine großartige Besprechung zu dem Buch und dass hier im wahrsten Sinne des Wortes.
Chapeaux meine Lieben!

Wenn ich es noch nicht gelesen hätte, dann müsste ich es definitiv jetzt lesen.

Link bei uns ist natürlich auch da. Und wir sind bei dem Ende alle einer Meinung. Es ist perfekt und hätte nicht anders sein dürfen.

Viele liebe Grüße

Janna
wortberauscht
Reply to  Anja
8 Monate her

Huhu meine Feine und liiiebsten Dank für das wundervolle Lob! *-*

Ich hoffe sehr das noch mehr Geschichten der Autorin folgen, uns hatte es wirklich von der ersten bis zur letzten Seite eingenommen <3

Muckelige Grüße, auch von Kerstin :-*