„Die Ewigkeit in einem Glas“ | Jess Kidd

Drei von drei Büchern aus der Feder von Jess Kidd sind gelesen, allesamt haben mich verzückt, jede Geschichte auf ihre ganz eigene Weise! Auch dieser Titel begeisterte mich vom ersten bis zum letzten Wort.

London 1863. Bridie Devine, Privatdetektivin und Expertin für kleinere chirurgische Eingriffe, erhält den Auftrag, die entführte Tochter des Adligen Sir Edmund zurückzubringen. Alles an dem Fall ist beängstigend seltsam: der nervöse Vater, die feindselige Dienerschaft, der windige Hausarzt. Allen voran aber die verschwundene Christabel, die kaum je einer gesehen hat. Doch zunächst ist die energische Bridie ganz in ihrem Element, denn sie liebt vertrackte Fälle. Zudem fühlt sie sich beschützt von ihrem neuen Begleiter, Ruby – der ist zwar tot, aber wen stört das schon. Als sich Bridie jedoch Zugang zu Christabels Räumen verschafft, begreift sie, was das Besondere an dem Mädchen ist und dass dieses in großer Gefahr schwebt. Und noch etwas ahnt sie: Ihr größter Widersacher aus der Vergangenheit, ein herzloser und grausamer Sammler menschlicher Kuriositäten, von dem Bridie gehofft hatte, dass er tot sei, ist wieder aufgetaucht, und er wird zu ihrem gefährlichsten Gegner bei der Suche nach Christabel.

Inhalt laut Verlag
„Things In Jars“, Book In Ivy

Merrows und Tote

Ich bin schlichtweg verliebt in die Geschichten von Jess Kidd! Fast wie ein Märchen, ein Märchen für Ältere, ein bildgewaltiger Schreibstil und eine einnehmende Geschichte. Die Autorin schafft es in jedem Buch wundervolle Charaktere zu skizzieren und Bücher zu schreiben, die sich in und vielen und doch kein Genre pressen lassen. Fantasievoll, kriminell, spannend, emotional, einnehmend, märchenhaft, humorvoll, unterhaltend. All das sind Jess Kidds Zeilen – in allen drei Titeln.

London ist wie ein schwieriger OP-Patient; so vorsichtig das Skalpell auch angesetzt wird, es kann Gott weiß was hervorbrechen. Gräbt man zu tief, gibt es Überschwemmungen oder es kommen Leichen ans Licht, ganz zu schweigen von tödlichen Miasmen und augenlosen Ratten mit ellenlangen Zähnen.

Seite 25-26

Auch „Die Ewigkeit in einem Glas“ lässt die Toten auferstehen wie Bridie schnell feststellen muss. Ruby, ein tätowierter Boxer in Unterhose weicht ihr seit ihrem Besuch auf dem Friedhof nicht mehr von der Seite. Ebenso seltsam wie seine durchsichtige Erscheinung und sich bewegenden Tätowierungen ist ihr Grund dort gewesen zu sein. Eine tote Frau, im Arm ein Baby mit Hechtzähnen.

Doch bleibt es nicht bei dieser Besonderheit, denn Bridies neuer Fall ist ebenso mystisch wie der Leichenfund. Ein verschwundenes Mädchen, von dessen Existenz kaum jemand wusste. Bridie weigert sich fast bis zum Schluss, die Mythen um Merrwos ernst zunehmen, trotz des neben ihr herlaufenden Toten. Schon allein dieser Widerspruch macht sie sympathisch, Bridie hat sich in mein Herz geschlichen! Sie hat eine schmerzvolle Vergangenheit hinter sich, ist nicht auf den Mund gefallen und hat mich von Beginn an verzückt. Das ist eines der Talente von Jess Kidd. Sie erschafft Protagonist:innen, mit denen ich mich am liebsten zu einem Stück Kuchen treffen würde. Auch Ruby und Cora machen da keine Ausnahme, zumal auch in dieser Geschichte wieder ein diverser Charakter anzutreffen ist, ohne dabei eine Besonderheit zu sein. Dies fehlt in anderen Büchern (noch) zu sehr, als das ich es an dieser Stelle nicht erwähnen möchte.

Doch auch jene Charaktere mit düsteren Absichten haben einen gewissen Reiz, vor allem da Ms Bibby durch Geschichten innerhalb der Geschichte in ihre Vergangenheit blicken lässt. Die Autorin erschafft durch die Skizzierung ihrer Protagonist:innen eine emotionale Reaktion bei Leser:innen, zu mindestens bei mir. Ich leide und lache mit ihnen. Ich ärgere mich über sie und freue mich mit ihnen. Und manchen möchte ich am liebsten sofort, gemeinsam mit Bridie, Ruby und Cora, das Handwerk legen! Sie amüsieren und unterhalten mich, stimmen mich nachdenklich und manche widern mich gerade zu an. Das liebe ich an Geschichten! Wenn die Protagonist:innen etwas in mir hervorrufen und nicht blass geschrieben sind, wenn ihre Rolle in der Geschichte, deren Tun, etwas in mir auslöst und über die Seiten hinweg zunimmt, ist für mich alles richtig gemacht worden. Und eben dies schafft Jess Kidd bei mir in allen drei Büchern. Ich weiß, es entwickelt sich gerade zu einer Hommage an die Autorin und all ihre Bücher und entfernt sich von einer Rezension zu diesem Titel. Also versuche ich mich nun etwas auf das Geschehen in dieser Geschichte zu konzentrieren und mich nicht in der Begeisterung aller Titel zu verlieren.

Ebenfalls ein wiederkehrendes Merkmal sind die unterschiedlichen Zeitebenen in dem Roman. Bridie auf der Suche nach dem verschwundenem Kind und Bridie als kleines Mädchen. Ebenso ist Ms Bibby nicht nur die fiese erwachsene Frau mit dem entführten Kind, sondern ein junges Mädchen, eine Geschichte in der Geschichte. Und auch diesmal ist es märchenhaft erzählt, denn die Merrows sind dir eventuell besser bekannt unter dem Namen Meerjungfrau. Und auch das entführte Mädchen scheint umgeben von diesem Mythos. Bridie versucht sie zu finden, bevor es zu spät ist. Ein zu spät würde sie kein weiteres Mal verkraften.

Und dann wäre da noch das Rätsel um den toten Ruby, der zwar Bridie kennt, sie ihn aber nicht. Und so gilt es auch herauszufinden, wer der Tote mit der langen Unterhose und dem Zylinder ist. Diese zufällige Begegnung auf dem Friedhof, diese Beziehung zwischen einer Lebendem und einem Toten, brachte mich an manchen Stellen wundervoll zum Schmunzeln. Allein schon wie Ruby versucht Bridie in ihrem Wohnzimmer zu schützen, ohne etwas berühren zu können ist rührend und unterhaltend zugleich!

Während die Autorin auf der einen Seite einen unterhaltsamen und berührenden Roman schreibt, schafft sie gelungen ein Gegenstück dazu und gibt der Geschichte etwas düsteres und brutales. Dieser Kontrast begegnet mir immer wieder in ihren Geschichten und ist ebenfalls ein Teil dessen, welcher mir unglaublich gut gefällt. Eine Vielfalt an Emotionen behält diese Geschichte bereit und bewegt sich gekonnt zwischen den Genres. Ich war inmitten der Worte, habe gelacht, geweint, war voller Spannung und Neugierde und konnte mich nur schwer verabschieden.

[…] das ist ihr Abschied: so plötzlich und langsam, überraschend und vorhersehbar wie jeder Abschied. Zwischen zusammen und getrennt: ein Wimpernschlag und die ganze Ewigkeit.

Seite 394-395

Ich hoffe es ist für mich und die Bücher von Jess Kidd kein Abschied, nur ein ‚Auf Wiedersehen‘, denn ich möchte mehr von ihr lesen, viel mehr! Eine Autorin, die mich mit ihrem Debüt eingefangen hat, umhüllt von ihren Worten, eingetaucht in drei Geschichten, möchte ich weiter in ihren Zeilen verweilen und hoffe sehr, dass bald ein neuer Roman von ihr erscheinen wird. Ich bin schlichtweg verzückt von ihren Worten!

Rezension verfasst von © Janna

Kennst du bereits ein Buch der Autorin?

BUCHDETAILS



Titel: „Die Ewigkeit in einem Glas“
Einzelband
Autorin: Jess Kidd
Aus dem Englischen übersetzt von:
Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
Verlag: DuMont
– Weitere Eindrücke –

„Man möchte am liebsten zum Markierstift greifen und jede erdenkliche Stelle in Jess Kidds Roman hervorheben, derart sensationell sind die Sätze gebaut; bedacht in der Wortwahl, äußerst charmant in der Ausführung.“
(Zwischen den Zeilen)
Beitrag teilen mit:
guest
2 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments
Pink Anemone
6 Monate her

Ich denke es ist klar, dass dieses Buch auf meine WL landet.HALLOOO – Jess Kidd!! Ich habe von dieser Autorin erst ein Buch gelesen und das ist eindeutig zu wenig!! Der Schreibstil ist so genial und die Storys so schön und gleichzeitig abgedreht.
Also jap, es ist schon auf meiner WL *g*
Danke übrigens für das Entdecken der Autorin mit dem Buch „Der Freund der Toten“!!