„Der Augenblick“ | Achim Koch

Das E-Book wurde mir vom Schruf & Stipetic Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Ein Bild sagt mehr als…

Fee ist Fotografin und reist für eine Reportage nach Myanmar. Der NGO-Mitarbeiter Win To schleust sie in ein Gebiet, wo sie verfolgte Rohingya fotografiert. Die Welt soll von dem Unrecht erfahren, aber immer öfter stellt Fee ihre Arbeit in Frage: Ist es vertretbar, Gewalt und Elend in einem Bild einzufrieren und dann die Leidenden hilflos zurückzulassen?
Wie zum Trotz versucht Fee, die tödliche Starre ihrer Bilder zu überwinden, indem sie sie willkürlichen Prozessen aussetzt. Da geschieht etwas Seltsames: Uhren und Autos bleiben stehen, die Wasserversorgung stockt, der Strom fällt aus. Die gesamte Infrastruktur des Landes liegt lahm. Und Fee gerät in den Fokus der Ermittler, denn der Anschlag ging von Myanmar aus.

Inhalt laut Verlag

„Der Augenblick“ ist eine fiktive Geschichte, in der ganz viel Realität einfließt. Es ist eine Geschichte über Bilder, solche die mittels Fotografie eine Aussage enthalten und erst durch das Auge des betrachtenden Menschen ihre Wirkung entfalten.
Erzählt wird in der Ich-Form durch Fee. Eine junge Fotografin, für die das Ablichten von Menschen nicht nur Beruf, sondern auch Berufung ist.
Doch ihre Motive sind keine gestellten Familienzusammenkünfte, Landschaftsidyllen oder das Essen auf ihrem Teller. Fees Bilder sind kaum tauglich für das social media, denn ihre Bilder zeigen den Augenblick des Todes.

Fee lebt mit ihrem Hund Freudenberg in einer kleinen gemütlichen Wohnung. Ihr Zwillingsbruder Fabian kommt täglich um Punkt 10. Er ist besonders!
Alles beginnt mit Fees Sichtung der aktuellen Fotocollage. 20 Bilder ihrer letzten Tour, die nun eine eigene Ausstellung bekommen sollen.
Doch Fee zweifelt immer mehr an der Kraft des Bildes, so wie es „geschossen“ wurde. Deshalb bearbeitet sie diese. Nicht am Computer oder mit Bildbearbeitungsprogrammen, sondern auf ihre ganz eigene persönliche Art.
Besonders das Foto von Zeugin 16 bekommt im Buch eine ausgesprochen wichtige Rolle und oft habe ich versucht mir all dies vorzustellen. Hier hat es mich dann auf die Seite des Autoren verschlagen und siehe da, dort finden sich die verschiedenen Stadien des Fotos.
Wer mal schauen möchte – *hier entlang*

Meine Bilder kristallisierten, rosteten, lösten sich auf. Nichts blieb, wie es war.

Zitat aus „Der Augenblick“

Der Stil des Autors Achim Koch hatte mich für die ersten Seiten etwas irritiert. Dachte ich anfänglich noch, da fehlt doch was, wurde mir mit jeder weiteren Seite bewusst, dass es einfach daran liegt, dass er Fee nicht aussprechen lässt. In ihrem Rede-oder Gedankenfluss gibt es Unterbrechungen, der Satz wird nicht zu Ende geführt, sondern durch einen nächsten, der Situation geschuldeten (scheinbaren) wichtigeren Gedanken fortgeführt. Das hatte was, da immer deutlicher wurde, was Fee wichtig war, was sie beschäftigte oder wie umfassend sie dachte.

Es führt einen während dem Lesen immer wieder nach Myanmar. Kurze Episoden zu ihrem Auftrag in Sachen Fotos machen. Fee reist meist unter dem Radar und ist eine Art Botschafterin des Grauens. Ihre Bilder sind die der Opfer von Krieg, Ungerechtigkeiten und Gräueltaten. Die Schilderungen dazu sind fast schon nüchtern und doch kriecht es einem unter die Haut, denn die sehr detaillierten Schilderungen machen die Fotografien, auch wenn man sie in dem Moment nicht sieht, sehr sichtbar.

Jeder, wirklich jeder Mensch besaß eine unverletzbare Würde. Lebend oder tot. Als Motiv oder Betrachter.

Zitat aus „Der Augenblick“

Die Geschichte hat eine unglaubliche Spannung aufgebaut. Zum einen aufgrund dieser Bilder und der Weg Fees zu der Entstehung dieser. Dann die aktuelle Situation in Fees Stadt. Die Uhren zeigen keine Zeit mehr an, der Strom ist nicht mehr verfügbar und Wasser aus dem Hahn gibt es auch nicht mehr. Nicht alles auf einmal, sondern schleichend. Die Folgen davon in kleinen Etappen erzählt, durch Fees Erfahrungen oder der Menschen in ihrem Umfeld. Alles wird wieder gut werden, sagt sie sich, kann in der aktuellen Hitzeperiode mal passieren. Bis zu dem Moment, als die Polizei vor ihrer Türe steht.

Etwas, was mich so richtig faszinierte, waren die nicht visuell dargestellten realen Bilder im Buch. Fotografien die um die Welt gingen. Bilder die sich eingebrannt haben und deren Kraft, diesen einen Moment darzustellen, werden hier benannt. Richtig viel Hintergrundinformationen dazu und, mit das wichtigste, die dargestellten Opfer bekamen ihre Namen.
Wer kennt nicht das Bild „the burning Monk“ oder „The Vulture and the little Girl„, ich habe sie sofort anhand der Beschreibung erkannt. (ACHTUNG – sucht die Bilder nicht im Internet, wenn ihr das nicht verkraften könnt)

„Der Augenblick“ ist nicht nur die Geschichte um Fee und all den Vorgängen in ihrer Stadt, auch nicht eine, die sich ausschließlich um das Schicksal der Rohingya in Myanmar dreht, auch wenn man sich mit auf die Reise in dieses Land und zu den Menschen begibt.
Für mich war es viel mehr ein kritischer und ehrlicher Blick auf das Ausreizen und Überschreiten der Grenzen in der Fotografie. Viele Geschehnisse konnten erst durch den (oftmals mutigen und gefährlichen Einsatz der Fotograf_innen) offenbart werden und sind in ihrer Wichtigkeit kaum zu unterschätzen. Doch ist ein berühmter Schnappschuss dem Zufall geschuldet oder hat da ein Mensch auf eine Situation gewartet, mit all dem Bewusstsein der Grausamkeit, die sich dahinter verbirgt? Erfahren wir nur den Namen des Fotografierenden, oder auch den des Fotografierten?
Wann ist ein Foto Kunst und wann nur eine Zurschaustellung?

Möchtest du auf Kosten derer Menschen berühmt werden?

Zitat aus „Der Augenblick“

Rezension verfasst von © Kerstin


– Weitere Eindrücke –
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Buchdetails
Titel: Der Augenblick
Buchreihe: Einzelband, 256 Seiten
Autor: Achim Koch
Verlag: Schruf & Stipedic
— Rezensionsexemplar —

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