„Das wirkliche Leben“ | Adeline Dieudonné

Die Hyäne

Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt.
In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

Inhalt laut Verlag

Ich hatte begonnen dieses Buch zu lesen und konnte mich dem Sog der Geschichte kaum entziehen. Über hundert Seiten innerhalb eines Wimpernschlags verschlungen, eingenommen vom Leben und den Gedanken der Protagonistin. Doch nach und nach zerbrach meine Begeisterung und das Buch ließ mich zwiegespalten zurück.

*KLICK MICH*, um die Triggerhinweise zu lesen. Die Gewalttätigkeit des Vaters ist ein allumfassender Teil des Buches! Psychische Gewalt, Alkoholismus, zerrüttete Familie, Physische Gewalt an Mensch und Tier

Schon vor der deutschsprachigen Erscheinung begegnete mir der Titel immer wieder und machte mich neugierig. Sabine bekam das Buch doppelt und bot mir direkt eines ihrer Exemplare an, worüber ich mich wahnsinnig freute!

In ihrem Instagram-Post (@ant1heldin) fasst sie die Geschichte mit wenigen Worten gut zusammen. Ich würde noch eine Prise eines anderen Genres hineingeben, aber das würde an dieser Stelle zu viel vom Inhalt verraten.

Eine Protagonistin irgendwo in einer Vorstadt, in einem Zuhause, welches keines ist. Zu mindestens keins, in dem sie sich wirklich wohlfühlt, dies wird bereits nach wenigen Seiten deutlich. Einzig ihr Bruder bedeutet ihr alles, doch auch die Beziehung erfährt durch einen tragischen Unfall einen Bruch. Brutal und doch fast nebensächlich wird diese Szenerie skizziert. Dennoch verändert dieses Ereignis ihr Leben und das ihres Bruders weitaus mehr, als es der Einfluss des Elternhauses wohl je könnte. Die Gewalt ist Alltag für die Geschwister, richtet sich in erster Linie jedoch gegen ihre Mutter.

Meine Wirklichkeit hatte sich aufgelöst, war zu einem schwindelerregendem Nichts geworden.

Seite 28

Der Unfall mit Todesfolge hat einen gravierenden Einfluss auf beide. Der Bruder zieht sich zurück, verkriecht sich in sich selbst. Sie hat das Gefühl ihn zu verlieren und versucht alles daran zusetzen, es ungeschehen zu machen. Während er eingenommen wird vom Jagdzimmer seines Vaters und in der Hyäne einen Zufluchtsort findet, hat sie das Lachen dieses Tieres wie ein Damoklesschwert über und in sich.

Eine Vielzahl an Metaphern finden sich im Buch und solche Umschreibungen von Gedanken und Situationen sagen mir eigentlich zu. Die verschiedenen Zeitsprünge und das nur kurze verweilen in diesen Beschreibungen, ließen mich als Leserin jedoch leider etwas außen vor. Bevor ich überhaupt greifen konnte, was ich dort erlese, war ich schon inmitten des nächsten Sommers. Dieser schnelle Wechsel dient natürlich der Entwicklung der Protagonistin, nur das das Buch gerade mal knapp 240 groß bedruckte Seiten umfasst und ganze fünf Jahre beinhaltet – da wird leider einiges nur angerissen.

Ich fand es sehr interessant, welche Protagonist:innen namentlich genannt werden und welche nur mit Spitznamen anzutreffen waren! Monica ist eine Nachbarin, die nur einen kleinen Auftritt hat und doch großen Einfluss auf die Protagonistin ausübt. Etwas das ich grundlegend mochte, diese kleinen Feinheiten oder kurzen Sequenzen, ohne die der Verlauf eine ganz andere Richtung eingenommen hätte!

Auch wenn die Rollen etwas klischeehaft sind, so zeigen sie realistisch das Leben vieler Haushalte. Der Vater ist leidenschaftlicher Jäger, dem es nicht ausreicht Blut zu sehen, sondern diesen roten Fluss erst genießen kann, wenn er ihn mit seinen eigenen Händen erschaffen hat. Der abendliche Griff zum Alkohol und seine regelmäßigen Ausbrüche auf psychischer und physischer Ebene. Die Mutter ist ein Schatten ihrer selbst und beim Lesen entsteht schnell das Gefühl, sie würde nur ihren Tieren hingebungsvolle Liebe schenken.

Ich hatte das Gefühl, mein Herz würde gleich explodieren. Mein Schatz. Mein Vater hatte mich >>mein Schatz<< genannt!

Seite 54

Dieses Lachen war wie eine Pythonschlange, die einen zuerst genüsslich umschlingt, bevor sie einen erwürgt.

Seite 89

Diese zwei Zitate zeigen gelungen mit welcher Sehnsucht und Angst Kinder aufwachsen, die in einem gewalttätigen Haushalt groß werden. Die Protagonistin des Buches ist hochbegabt und hat einen klaren Blick auf ihre Eltern, was auf manche Leser:innen vielleicht distanziert wirken könnte. Besonders das Bild ihrer Mutter, der Vergleich mit einer Amöbe, könnte als gefühllos bezeichnet werden. Ich schreibe bewusst könnte, denn wenn der Blick tiefer geht, hat die Protagonistin das eigene Familiensystem sehr früh begriffen.

Ich dagegen wollte eine Marie Curie sein.

Seite 110

Nach und nach bricht die Protagonistin aus diesem System aus, befreit sich aus der ihr auferlegten Rolle. Sehr klar schildert sie ihre Möglichkeiten, nimmt sich zu Beginn bewusst zurück. Denn je erfolgreicher sie in der Schule ist und je mehr sich ihr Körper von einem Mädchen zu einer Frau entwickelt, desto mehr Aufmerksamkeit und Hass des Vaters zieht sie auf sich. Sie hat ein klares Ziel vor Augen und findet ihren Weg, um dieses zu erreichen. Es könnte der Glaube entstehen, sie würde sich dem Vater fügen, doch diese Geschichte zeigt deutlich, warum sie sich (zunächst) nicht lautstark auflehnt. Es ist ihre Strategie um zu überleben und Selbstbestimmung zu erlangen. Dadurch entsteht kein überzogenes, sondern ein realistisches Bild.

Immer mehr distanziert sich die Protagonistin vom Vater und nähert sich ihrer Mutter an, beginnt zu greifen, warum sie sich nicht gegen ihn auflehnt und ihr Herz so sehr an den Tieren hängt. Während Mutter und Tochter einen Weg zueinander finden, ist der Bruder dem Vater fast ausgeliefert, steht unter seinem Einfluss.

Wie bereits erwähnt, beinhaltet die Geschichte leider einige Klischees. Zum einen erschafft die Autorin ein realistisches Bild, zum anderen werden aber Aspekte bedient, die mich beim Lesen störten. Ein Mädchen das zur Frau wird, die körperlichen Veränderungen und die Entstehung von sexuellen Bedürfnissen, hätten nicht unbedingt mit dem verheirateten Vater ihrer Babysitter-Kinder erzählt werden müssen!
Ebenso kann ich mich mit den Ereignissen zum Ende hin nicht anfreunden. Die Rolle die der Bruder einnimmt, aufgrund des Zuspruches seiner Schwester und Mutter, finde ich ungünstig erzählt.

Es gibt jedoch eine Seite innerhalb des Buches, die für mich einiges der Geschichte zerstörte, gänzlich unabhängig der bislang erwähnten Kritikpunkte! Mir ist sehr wohl bewusst, was dieser Teil vermitteln möchte oder zu mindestens habe ich eine Interpretation dessen und doch hätte ich mir einen gänzlich anderen Verlauf dafür gewünscht:

*KLICK MICH, um den aufklapparen Spoiler zu lesen* Oh je! Seite 237 – warum?! Es will vermitteln, das alles erreicht werden kann, wenn du dich nicht von deinem Weg bringen lässt, aber muss dies so skizziert werden? Mit einer Zeit•ma•schi•ne, ehrlich? Die Protagonistin und ihr Bruder mussten in einem Zuhause ohne Liebe und Fürsorge aufwachsen, mit dem Alkoholismus und der Gewalt des Vaters leben und diesen Unfall mitansehen und all das – ihr Schritt aus der vom Vater auferlegten Rolle – nahm für mich mit diesem Detail der Geschichte die Intensität. Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht … Mir persönlich ist es dadurch zu überzogen und Science-Fiction-lastig!

Eine Geschichte, die mich zu Beginn absolut einnahm und mich an die Seiten fesselte! Doch nach und nach ergaben sich mehrere Kritikpunkte, woraufhin ich nicht klar von Begeisterung oder Enttäuschung sprechen kann.

Hast du es gelesen oder gehört und wenn ja, wie sind deine Eindrücke dazu?

Rezension verfasst von © Janna

Beim Hinzufügen der Schlagworte musste ich feststellen, das einige bislang gar nicht von Kerstin und/oder mir genutzt wurden – auf kurz oder lang wird das definitiv geändert und ggf. nachgetragen!


– Weitere Eindrücke –
Antiheldin

| Anzeige – Buchdetails |

Titel: Das wirkliche Leben
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Adeline Dieudonné
Verlag: dtv

Beitrag teilen mit:
guest
8 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Tina
2 Monate her

Liebe Janna, ich konnte mir unter dem Cover nie etwas vorstellen und lese dann gern die ein oder andere Rezension dazu statt den Klappentext zu lesen. Das gibt mir einfach mehr. Puuh, ich glaube, das Buch würde mich traumatisieren, zumindest ein wenig. Das erinnert mich an ein Buch, „Gute Nacht, Zuckerpüppchen“, das für Jugendliche ab 14 Jahre geschrieben war/ist. Damals, als ich 13 war, hat sich noch keiner kritisch geäußert oder Triggerwarnungen hinterlegt. Das Buch war hart, wühlte mich emotional auf und wurde von mir mehrfach gelesen, weil es mich schockte und faszinierte, wie die Potagonistin solch eine Situation aushielt.… Read more »

Anja aka Ana
2 Monate her

Hallöle,
ich habe den Spoiler bewusst nicht gelesen. Das Buch ist diese Woche bei mir eingezogen und ich bin sehr gespannt.
Deine Rezension bestärkt mich darin, dass ich eine guten Kauf gemacht habe.

GLG
Anja.
PS: Das zweite Buch in diesem Monat.

Anja aka Ana
Reply to  Janna
2 Monate her

Es liegt daran, dass ich Deine Kritik verstehen kann, aber mich überhaupt nicht abhält das Buch zu lesen. Vielleicht, weil ich mit dem ein oder anderen gerechnet habe.

Aber ich werde berichten, was ich am langen Ende sage.

Tintenhain
2 Monate her

Liebe Janna,

ich finde das Buch interessant, zumindest hat mich gerade der Anfang der Rezension neugierig gemacht und ich habe weitergelesen. Deine Besprechung ist sehr ausführlich und darüber freue ich mich. Zumindest weiß ich nun, dass dieses Buch dann wohl doch eher nichts für mich ist.
Tatsächlich habe ich es hier zum ersten Mal gesehen und bin dem Buch zumindest bewusst noch nicht begegnet.

Liebe Grüße
Mona