3 Geschichten ~ 3 Eindrücke | Paula Bomer – Patrícia Melo – Nicky Singer

3 #bookopolys Titel
Allesamt #WirLesenFrauen


Was tust du, wenn du weißt, dass du die falsche Person geheiratet hast? Wenn der bezaubernde dreijährige Sohn sich einen dickköpfigen, mürrischen Jungen verwandelt? Wenn von den Söhnen ausgerechnet der Versager an deinem Rockzipfel hängt? Wenn du merkst, dass dein Mann dich nie geliebt hat und dich deshalb hasst?

Inhalt laut Verlag | Auszug

„Baby“ von
Paula Boemer

Ich poste ja immer mal wieder in den social medias über meine aktuellen Bücher und bei diesem Cover hatten schon einige gefragt, ob es sich dabei um Horror handeln würde. Erstmal nein! Es mag vielleicht so wirken und je nach Interpretation des Wortes (nicht Genre!), könnte eventuell von Horror gesprochen werden – der Alltagshorror. Denn die Protagonist:innen dieser zehn Geschichten sind alles, aber nicht glücklich. Sie sind gefangen in ihren Leben, den Mechanismen, die sich daraus entwickelt haben. Das Cover gibt dies sehr gut wider, die (selbstgestrickten) Fäden, an denen wir hängen.

Die Autorin beschreibt derb und ungeschönt die Gedanken von Vätern und Müttern. Von Menschen, die sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Menschen, die an sich selbst zweifeln und Menschen die ausbrechen wollen. Bitter, schmerzvoll – so liebe ich Geschichten. Ich brauche keine rosa Wolke, ich brauche auch keinen Verlauf, an dem alle am Ende überglücklich sind! Es wird bestimmt nicht mein letztes Buch von Paula Bomer sein, wobei ich in den ersten zwei Geschichten über starke Kritikpunkte gestolpert bin.
In der ersten Geschichte ist es nur ein Satz, doch dieser steht so unerwartet dort, das die dort beschriebene Szene triggern kann. Ein Mann mit gewaltvollen Phantasien in Bezug auf Frauen (sexuell). Und in der zweiten Geschichte wird eine Frau beschrieben, die unglücklich in ihrer Ehe ist, sie will ausbrechen, eine Mutter mit Sehnsüchten. Die Frau stellt Vergleiche auf, wie ihr Mann sie behandelt, die für mich über eine Grenze gehen und anders hätten formuliert werden können! Es muss sich nicht mit dem 16. – 19. Jahrhundert Amerikas verglichen werden, um zu skizzieren, was gemeint ist!

Die anderen Geschichten haben mich von Anfang bis Ende in ihren Bann gezogen und besonders von der letzten („Heimweh“) hätte ich gerne noch viel mehr gelesen! Es sind Auszüge verschiedener Leben, es sind keine Geschichten bei denen die Leser:innen selig das Buch zuschlagen. Ungefilterte Wahrheiten, die auf den ersten Blick überzogen wirken mögen, aber genau mit dem Finger in eine Wunde drücken.

Kurzmeinung verfasst von © Janna


In São Paulo fühlt sich ein Biologielehrer gestört von seinem Nachbarn. Permanent dringen Geräusche durch die Decke, zu jeder Uhrzeit, sei es, weil Ygor Upsilon kocht, herumläuft oder Besuch hat. Immer stärker steigert sich der Erzähler in eine unkontrollierbar werdende Wut. Er beginnt, den Nachbarn zu verfolgen, bricht bei ihm ein und findet sich plötzlich mit seiner Leiche wieder. Verschanzt in der Wohnung stellt er sich die Frage: Was tun mit dem grausigen Beweisstück – und was tun mit dem eigenen Leben?

Klappentext

„Der Nachbar“ von
Patrícia Melo

Der Nachbar. Der Nachbar. Namenloser Biologielehrer trifft auf Herrn Upsilon. Der Lehrer in der unteren, Herr Upsilon in der oberen Wohnung. Doch der Titel ist vielmehr auf den Lehrer gezielt, als auf den lauten und störenden Herrn Upsilon.

Die gesamte Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des Biologielehrers heraus erzählt, was ich zunächst mehr als reizvoll empfand. Er lässt mich in sein Leben blicken, seine Ehe, seinen Beruf – sein Nachbar. Ein Protagonist der mir von Seite zu Seite unsympathischer wurde, was mich ansprach, denn eine Geschichte darf im Fokus einen Menschen haben, den ich nicht ausstehen kann – solch Leseerlebnisse bleiben oft länger haften. Doch gänzlich konnte ich mich nicht hineinfallen lassen.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert und der erste Teil hatte mich direkt! Wie der Lehrer sein Leben schildert, wie sein Hass nach und nach wächst, wie er die Ereignisse schildert. Dies ist auch im zweiten Teil gegeben, doch flieht er dort in sich selbst. Interessant ja, aber mir nicht intensiv genug skizziert. Sozialkritisch ist diese Geschichte, doch es bleibt mehr an der Oberfläche, anstatt einen Spiegel vorzuhalten.

Armut, Verbrechen, Haft. Eine Ehe die mehr Schein als Sein ist. Mittendrin die Leiche. Nun steht der Biologielehrer vor der Frage der Zurechnungsfähigkeit, etwas das deutlich machen soll, in welchen Verhältnissen Brasilien lebt.
Ob nun Kriminalroman oder Sozialkritik, beides ist hier zu finden, aber mir persönlich nicht genug ausgearbeitet.

Kurzmeinung verfasst von © Janna


Was zählt, wenn die Welt am Abgrund steht? Verändern Klimawandel und Flucht unsere Menschlichkeit?
Die 14-jährige Mhairi lebt in einer Welt, in der es zu viele Menschen gibt und Wasser nur noch im Norden zu finden ist. Sie besitzt zwei Dinge: einen Revolver und ihre Papiere. Ihr einziges Ziel ist es, zu überleben. Dank ihrer Papiere wird es Mhairi bis in den Norden schaffen. Hoffentlich. Doch dann trifft sie kurz vor dem Grenzpunkt einem kleinen Jungen. Ist sie bereit, alles für ihn zu riskieren?

Klappentext

„Davor & Danach“ von Nicky Singer

Dieses beidseitig schlichte und dezent unterschiedliche Cover zog meine Aufmerksamkeit auf sich und Kerstins Rezension überzeugte mich dann, es auch lesen zu wollen. Und nun sind wir alle inmitten von #Covid-19 und ich wusste nicht recht, ob ich das Buch lesen will. Es war eines meiner erwürfelten Januar-#bookopolys-Titel und ich dachte mir dann, dies ist nur eine Geschichte und ich kann es ansonsten zuklappen und für später beiseitelegen. Konnte ich nicht!

Diese Geschichte hat keinen Virus, der für den Plot verantwortlich ist, aber auch der Klimawandel ist uns allen nicht unbekannt! Und da kommen wir dem Inhalt schon näher – eine dystopische Welt mit zu vielen Menschen und zu wenig bewohnbarer Fläche. Und so zieht die Menschheit in den Norden, unter ihnen ein vierzehnjähriges Mädchen, allein und erwachsener als ich zu Beginn dachte. Es ist zwar bei den Jugendbüchern einsortiert und auch die zwei Protagonist:innen die im Fokus stehen sind minderjährig, aber es ist ein absolut sogenannter All Age-Titel!

Die Nacht ist nicht dazu da, um zu finden, sie ist dazu da, um zu verlieren.

Seite 191

Und verloren hat Mhairi viel. Ihre Heimat, ihre Eltern. Sie ist auf der Flucht in den Norden und bekommt einen ungewollten Begleiter. Ein namenloser stummer Junge, der ebenso viel verloren hat, wie sie selbst. Sie nennt ihn Mo. Er folgt ihr.

Ungewollt entwickelt sich eine zarte Freundschaft, die ich in ihrem Wachstum gerne begleitet habe! Die geschlossenen Grenzen und Auffanglager werden skizziert und die Gesamtsituation bekommt durch Mhairis Erzählungen ein Bild, dennoch war es mir stellenweise nicht intensiv genug. In der Mitte gingen die Ereignisse so voran, wie ich sie nicht erwartet hätte, zu problemlos. Dann jedoch kam die Insel.

Denn so ist das mit der Hoffnung. Sie verhindert, dass dein Herz weiß, was dein Verstand weiß.

Seite 232

Fast so erging es mir, als ich mich dem Ende entgegen las. Ich bin keine Verfechterin von Happy Ends, eine Geschichte darf auch schmerzvoll enden und doch hoffe ich manchmal … so auch bei Mahiri und Mo, bittersüß waren die letzten Zeilen!

Kurzmeinung verfasst von © Janna


| Anzeige – Buchdetails |

Titel: „Baby
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Paula Bomer
Verlag: Open House
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Titel: „Der Nachbar
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Patrícia Melo
Verlag: Tropen | Imprint von Klett Cotta
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Titel: „Davor und Danach – Überleben ist nicht genug
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Nicky Singer
Verlag: Dressler | Verlagsgruppe Oetinger

Welche Geschichte hat dein Interesse geweckt,
kennst du bereits eine oder mehrere?

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8 Comments
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Pink Anemone
5 Monate her

Hallo again and again and again *g* „Baby“ und „Der Nachbar“ sind nicht so mein Fall (bei Letzterem würde ich wohl nur auf dumme Gedanken kommen *unanständige Geste zur Nachbarin rüberfuchtle*), aber „Davor und Danach“ ist defintiv etwas für mich. Die Rezension ist wieder einmal wunderschön und aussagekräftig und das Buch beinhaltet wohl viel Tiefe und ist ebenso spannend und mitreißend. Bei mir müssen Geschichten nicht immer mit einem Happy End enden („Happy End enden“..klingt irgendwie..weiß auch ned), denn die reale Welt ist auch kein Ponyhof und gerade solche Geschichten stechen heraus. Langes Geschwafel, kurzer Sinn – schwupps auf der… Read more »

LeseWelle
6 Monate her

Hallo Janna,
ich muss auch mal meine Rezension zu Der Nachbar schreiben, aber noch finde ich nicht die richtigen Worte. Deine Worte fand ich schon sehr treffend, denn irgendwas fehlte und das ist vielleicht wirklich der Tiefgang gewesen.
Baby klingt wirklich interessant. Das Buch werde ich mir mal merken. Danke dafür. ;)
Liebe Grüße
Diana

LeseWelle
Reply to  Janna
6 Monate her

Aber ich finde das bei einer Anthologie auch in Ordnung, da hat man immer Geschichten die einen mehr packen als andere. Kommt auf die WuLi. :D

Meine Rezi zu Der Nachbar ist geschrieben, kommt aber erst nächste Woche online auf’m Blog.

Sunita
6 Monate her

Klingen alle sehr spannend :) mit den Davor/Danach Büchern habe ich auch schon geliebäugelt, aber mir geht es da wie dir zu Beginn, im Moment habe ich wenig Lust auf solche Weltuntergangsbücher.