„Armut ist ein brennend Hemd“ | Annegret Held

– Rezensionsexemplar —
Das Buch wurde mir vom Eichborn Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Von Familien und Geschichte(n)

Der Westerwald im 19. Jahrhundert: Finchen und ihr Mann Konrad sind tüchtige Leute. Und dennoch leiden sie und ihre sieben Kinder Not – wie die gesamte Region, in der viele Menschen vor Hunger sterben. Erste Mütter geben ihre Kinder reisenden Händlern mit, um ihr Überleben zu sichern. Bald muss auch Finchen entscheiden, wie sie ihre Familie durchbringen will … Annegret Held erzählt zutiefst berührend von der Geschichte der „deutschen Sklaven“ und von einer von tiefster Armut geprägten Welt.

Klappentext

Wenn ich in meiner Erinnerung weit zurück gehe, immerhin steht mir fast ein halbes Jahrhundert zur Verfügung, sehe ich die Gass, unsere Straße, belagert mit einer Horde spielender Kinder. Ich sehe den alten Gewölbekeller meiner Oma, voll mit Eingemachtem und dem schweren Sauerkrauttopf. Unter meinen Füßen stehen die Pfützen, in die es zu springen galt, bis der Schlamm spritze. Ich rieche die Walderdbeeren und schmecke den Sauerampfer. Spüre die Stoppeln auf den abgemähten Weizenfeldern und die Winterkälte, die durch die Cordhosen beist.
Manchmal entdecke ich Oma Katrinche, wie sie die Kühe zur Weide am Waldrand treibt und weiß, das was unterwegs runterfällt, sammelt kaum wer auf. Ferne Erinnerungen an eine entfernte Zeit und doch bleibt mein Teil bei mir, egal wie lange es her ist.
Ja, ich bin ein Landei, durch und durch. Der kleine Ort meiner Heimat, am Rande des Soonwalds, war geprägt von Landwirtschaft, Familienbanden und so mancher alter Geschichte.

Das Leben auf dem Land wird allzu oft verklärt und idyllisch dargestellt, doch in „Armut ist ein brennend Hemd“ wird erzählt wie es war, damals im 19. Jahrhundert, jenes Leben der Menschen auf dem Land und vor allem noch mehr, das Überleben und unweigerliche Sterben.
Warum habe ich dieses Buch so gerne gelesen? Vielleicht war es diese Vertrautheit mit all den Menschen darinnen, deren Geschichten und Schicksale, auch wenn alles weit vor meiner Zeit geschah und eben im Westerwald, was für mich kaum einen empfundenen Unterschied machte.

Es geht nach Scholmerbach, ins Jahr1806 und vielen weiteren danach. Der kleine Ort ist Heimat, Zuflucht und Alltag für die kleine Josefine, Finchen genannt. Kaum mehr Kind und doch noch keine erwachsene Frau, trägt sie die Bürde der kinderreichen Familie, ist Aufpasserin für ihre kleineren Geschwister, die an ihrem Rockzipfel hängen und deren Rotznasen unentwegt laufen. Finchen und alle um sie herum sind der Mittelpunkt im Buch. Menschen, deren Existenz abhängig ist von guten Ernten, obwohl es außer Rüben kaum etwas gibt. Armut ist der rote Faden, unerbittlich in allen Einzelheiten geschildert, aber ohne Trübsinn hervorzurufen.

Genau dies mochte ich an dem Buch! Es könnte traurig sein, angesichts der Lebensumstände, erfährt aber immer wieder kleine Episoden voller Glückseligkeit, die genauso unspektakulär eingebaut sind, wie die Dramen. Gute Zeiten und schlechte Zeiten, wobei die letzteren in der kargen Gegend, dem ständigen Wechsel an politischem und sozialen Gefüge obliegen.

Die Schilderungen dieser Erzählung gehen nahtlos ineinander über, bedienen sich keiner Kischees, sondern nur dem was da einst war, wie es sich lebte, liebte, feierte und wie es sich eben starb.

Dabei hatte sie doch mit ihren fünfundvierig Jahren noch ein schönes Alter erreicht nach den insgesamt zwölf Geburten.

Seite 77

Finchens Geschichte und die ihrer Vorfahren und Nachkommen erfahren, insbesondere durch die vielen Dialoge, eine immense Authentizität.
Es ist der Dialekt, nicht das Hunsrücker Platt, das meine Großeltern noch sprachen und auch heute noch in und aus vielen Mündern kommt. Es ist der Westerwälder Dialekt, welcher sich nur wenig davon unterscheidet und aufzeigt, dass gefühlt „einfache“ Sprachweisen richtig schwer zu lesen sind. Hier hat die Autorin Annegret Held so viele kleine Details eingestreut und mir das Lesen mit jeder weiteren Seiten und jedem weiteren Wort noch lesenswerter gemacht. Zugegeben, ich habe etwas gebraucht und konnte das Buch nicht so einfach weg lesen, denn gerade diese Dialektsprache hat ungemeine Konzentration benötigt.

Der Lesefluss stellt sich dennoch ein, ein gemächliches Lesen und Abtauchen in diesen Ort, auf die staubigen Wege, die sich bei Regen in Schlammfelder verwandeln. Das dabei die Schuhe aber nicht nass oder schmutzig werden, da die wenigsten der Kinder überhaupt Schuhe besitzen, ist so eine der vielen Randerscheinungen, deren Selbstverständlichkeit fast schon erschreckend war aber zu der Realität gehörte.
Es führte mich hin zu den Kindern und Erwachsenen, deren bittere Armut so oft ihren Tribut einfordert. Die Geschichte um die weggegebenen Kinder war mir nur entfernt bekannt und hat aufgezeigt wie das damalige Leben, das Stopfen der hungrigen Münder zum allumfassenden Standard wurde. Hoffnungsvolle Verheißungen, die in fernen Ländern warten, der Gedanken dass es den Heranwachsenden in der Ferne besser gehen würde als zu Hause, so wie es den Daheimgebliebenen auch besser gehen würde, ohne einen nach Essen verlangenenden Menschen mehr am Tisch.

Im Herbst des Jahres 1853 waren so viele Kinder fort von daheim wie nie zuvor.

Seite 306

Es gibt Zeitspünge im Buch, behandelt viele sozialkritische Aspekte, geht teilweise auf politische und gesellschaftliche Umwälzungen ein, bleibt aber seinem Wesen als Familiengeschichte treu. Es war spannend zu erfahren, wer welchen Weg einschlägt, wer wann wo abbiegt und wie sich die einzelnen Wege kreuzen oder voneinander entfernen. All dies nicht im Stil eine Saga, sondern ganz unkompliziert, auch wenn es viele Komplikationen gibt, so wie im wirklichen Leben.
Viele der erzählten Situationen und Zustände sind ungeschönt und kommen ohne Geschnörkel daher, für mich bleibt „Armut ist ein brenndend Hemd“ dennoch positiv in Erinnerung.

Manche sagen „früher war alles besser“, nach dieser Lektüre kann ich sagen „nein, war es nicht, ganz bestimmt sogar nicht!“.

Hört off! Hört off! – Eysch bin froh, dat et wieder da es! Dat et sein Leben noch hat!…Kümmert euch doch um euren eigenen Dreck!!

Seite 356

Rezension verfasst von © Kerstin

| Anzeige | Buchdetails :

Titel: Armut ist ein brennend Hemd
Buchreihe: 2. Band 
Autorin: Annegret Held
Verlag: Eichborn [Bastei Lübbe]
Taschenbuch, 367 Seiten
~ Westerwald-Chronik ~
Band 1 ~ „Apollonia“
Band 3 ~ „Eine Räuberballade“

Bildquelle: Eichborn Verlag

Band 1 der Reihe „Westerwald-Chronik“
Klappentext: Marie besucht das Grab ihrer Großmutter. Doch dort liegt mehr begraben als die streitbare Apollonia: Liebe, Hass, Armut, Krieg und der wilde Westerwald. Je mehr Marie in die Welt ihrer Großmutter eintaucht, umso deutlicher kehrt auch die Erinnerung an ihre eigene Jugend zurück. Mit unbändiger Fabulierlust, kraftvoll und atmosphärisch dicht erzählt Annegret Held die Geschichte ihrer Großmutter, die zugleich auch die Geschichte eines ganzen Dorfs im vergangenen Jahrhundert ist.

Band 3 der Reihe „Westerwald-Chronik“
Klappentext: In ihrem dritten großen Westerwald-Roman nimmt Annegret Held uns mit ins späte 18. Jahrhundert, als brutale Räuberbanden die gesamte Region in Angst und Schrecken versetzten. Mitreißend, klug und höchst unterhaltsam erzählt sie von Hannes, einem aufstrebenden Möchtegern-Räuber, von seinem frommen und zunehmend verzweifelten Vater Wilhelm, von der mannstollen Magd Gertraud und von all den anderen Scholmerbachern, die dem harten Dorfleben tapfer die Stirn bieten. Großartige Heimatliteratur!

Verreist Du mit und durch die Bücher auch gerne in die Vergangenheit?

Beitrag teilen mit:
guest
3 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Pink Anemone
9 Tage her

Was für eine ergreifende und schöne Rezension zu einer wohl ganz besonderen Buchreihe. Gerade in der heutigen Zeit, sollte man sich darauf besinnen, dass es einem verdammt gut geht im Gegensatz zu vielen in der damaligen Zeit. Und trotzdem scheinen sie glücklicher gewesen zu sein als unsereins. Dieses Gefühl habe ich zumindest. Ich liebe historische Romane mit Tiefgang und diese Reihe scheint zu dieser Kategorie zu gehören. Du weißt was das bedeutet…die nächste Buchreihe auf meiner WL. Es gibt nur noch eines zu sagen: Ihr machts mich, meine WL und meinen SuB fertig!! XD Liebe Grüße und ich stöbere noch… Read more »

Pink Anemone
Reply to  Kerstin
9 Tage her

Ihr kennt mich einfach zu gut XDD.