„Am Tag davor“ Sorj Chalandon

Schicht im Schacht!

Der Tag vor der Katastrophe: Der 16-jährige Michel fährt mit seinem geliebten großen Bruder Joseph auf dem Moped durch die Straßen seiner französischen Heimatstadt. Gemeinsam fühlen sie sich unbesiegbar. Am Tag darauf kommen bei einem Grubenunglück 42 Bergmänner aufgrund eines fatalen Fehlers der Werksleitung ums Leben – Joseph stirbt infolge seiner Verletzungen. Michel flüchtet sich nach Paris, auch um die Worte des Vaters zu vergessen: »Du musst uns rächen!« Sein Schmerz aber vergeht nicht, und so beginnt Michel Jahre später einen Rachefeldzug. Noch weiß er nicht, dass die Nacht vor dem Unglück anders war, als er es in Erinnerung hat.

Inhalt laut Verlag

Dieses Buch geht tief, richtig tief sogar und es geht nicht nur unter Tage, sondern auch unter die Haut.
Eine beispielhafte Erzählung über Wünsche und Träume, deren stetigem Näherkommen und dem unerwartetem Fernbleiben, weil doch alles anders kommt und eben dieses mit voller Wucht.

Liebevoll und fast schon zärtlich beginnt das Erzählen des deutlich jüngeren Michel. Über das vertrauensvolle Miteinander, den Scherzen und Späßen mit seinem großen Bruder Joseph, auf den er so unendlich stolz ist. Söhne liebevoller Eltern, aufgewachsen auf einem Bauernhof inmitten der Zechenlandschaft.
Zwei Brüder, mit mehr als einem Jahrzehnt Altersunterschied prägen das Buch und trotz der Unbeschwertheit liegt über allem der dunkle Kohlenstaub.

Dann lachte er. Sein schönes Großer-Bruder-Lachen.

Seite 23

Der Autor hat mich mit seiner Ausdrucksstärke sehr berührt. Michels Geschichte, oft nur kurze Einspieler von Situationen, spielt immer zwischen größter Glückseligkeit und dann einer abgrundtiefen Trauer. Dramatische Dinge, die sich im ersten Teil des Buches abspielen und aufzeigen wie vergänglich das Leben ist.
Es ist die Rede vom um sich schlagenden Wetter, dem feinen Staub, der sich auf und in alles ablegt und sich trotz allem Schrubben nicht mehr entfernen lässt. Es zeigt den Werdegang der Kumpel, Steiger und Hauer, auch dass so mancher, der in die Grube einfährt nicht mehr aus eigenen Stücken herauskommt.

So wird ein reales Ereignis aus dem Jahr 1974 mit in diese Geschichte eingeflochten.
Es ist der 27. Dezember, frühmorgens, als ein Donnergrollen die kleine Stadt erschüttert.
Alle ahnen was geschehen ist, keiner will es wahrhaben und doch ist es letztendlich die Gewissheit, dass 42 der Grubenleute bei dem Unglück ums Leben kamen.
Michel verliert seinen Bruder, nicht direkt an diesem Tag, denn Jojo überlebt die 42 Männer um einige Tage und doch gibt der kleine Bruder der Zeche die Schuld und lebt ab dem Moment in einer dauerhaften Erinnerungsschleife, der er sich einfach nicht entziehen kann, so sehr es ihn auch schmerzt.

Eine Staubexplosion in meinem Inneren. Die Kehle trocken. Die Sirenen der Zeche in meinem Bauch.

Seite 177

Es geht weiter in der Geschichte des zurückgelassenen Bruders. Mittlerweile sind 40 Jahre vergangen und doch fühlt es sich an als wäre keinerlei Zeit verstrichen. Trauer ist zeitlos und so wächst der Wunsch einen Schuldigen zu finden in Michel immer mehr. Eine Art Obsession entwickelnd, sucht und schreibt er alles heraus was es zu finden gibt, über seinen einstigen Heimatort, dem Unglück und den daran Beteiligten. Mehr aber noch sucht er nach den Schuldigen, den Verursachern dieser Tragödie und verliert sich immer mehr in seinem Zorn und der Wut über den Verlust des Bruders.

Im Laufe der Geschichte findet er dann auch einen vermeintlich Schuldigen und macht sich dabei selbst zu einem Täter.
Hier wurde es spannend. Die Auswüchse, die all die negativen Gedanken in Michels Gefühlswelt annahmen wurden unheimlich ehrlich geschildert. Dieser eine Verlust, all die damit verbundenen Konsequenzen für diesen einen Menschen und sein komplettes Leben brachten ihn mir nah. Emotionen aller Couleur stellten sich ein und so eine Art stillschweigender Duldung von Handlungen.

Die Überraschung lies dann nicht mehr lange auf sich warten und hat mich noch fester und tiefer an diese Geschichte gezogen. Es war an der Zeit alles zu erfahren, dabei spielten Schuld oder Unschuld schon gar keine Rolle mehr.
Vielmehr wurde es zu einem Verstehen, Erkennen und Akzeptieren, auch wenn es stellenweise richtig schwer viel.

Saint-Amé hat aus meiner Familien Opfer und aus mir einen Verbrecher gemacht.

Seite 206

„Am Tag davor“ ist kein leichtes Buch, aber es ist gewaltig. Der Autor schafft es mittels weniger Worte Großes zu beschreiben, einen heranzuziehen und ganz tief mitzunehmen.
Die Beschreibungen um die Menschen, den Bergbau und den damit verbundenen Alltäglichkeiten erschüttern zutiefst und hinterlassen viel mehr als nur diese Staubschicht aus schwarzem Ruß.

Der Autor hat das Buch den 42 Verstorbenen gewidmet. Alle namentlich auf der letzten Seite aufgeführt, vielleicht auch weil er damals, als junger Journalist, selbst in Liévien und der Grube Saint-Amé vor Ort war.
Manches erlebte prägt den Menschen.

Rezension verfasst von © Kerstin


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Titel: Am Tag davor 
Buchreihe:  Einzelband || 320 Seiten
Autor: Sorj Chalandon
Verlag: dtv


Konnte ich Dich neugierig machen auf die Geschichte?
Oder kennst Du diese bereits, wie hat es Dir gefallen?

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Anja aka Ana
Anja aka Ana
5 Monate her

Großartige Vorstellung.

Ich als Kind des Ruhrgebietes und bei der Ruhrkohle gelernt, habe eine besondere Beziehung zu Minen, Schächten und unterirdischen Tunnelsystemen.

Wer noch nie in den teilweise sehr engen Schächten Untertage war, der kann sich nicht vorstellen wie feucht, heiß, dreckig und auch erstickend es dort sein kann. Wir mussten zweimal pro Ausbildungsjahr runter zu Besuch… Eindrücke, die ich nie vergessen werde.

Ein Buch, das ich unbedingt noch lesen will.
Dank Deiner großartigen Besprechung rutscht es weit nach vorne.

GLG

Buchperlenblog
6 Monate her

Liebe Kerstin!
Vielen Dank für diese unglaublich spannende Vorstellung des Buches. Es hat mich jetzt schon förmlich mitgerissen! Die Thematik, gerade weil es ein reales Ereignis mit Fiktion verbindet, finde ich sehr spannend und ich muss mir diesen Titel jetzt unbedingt notieren. :)
Das ganze hat mich übrigens ein wenig an Jocelyn Sauciers „Niemals ohne sie“ erinnert, vielleicht wäre das ja auch etwas für dich.

Liebe Grüße!
Gabriela