Ágota Kristóf ~ Trilogie der Zwillinge

Ágota Kristóf (* 30. Oktober 1935 in Csikvánd, Ungarn; † 27. Juli 2011 in Neuenburg)

Eine Geschichte ist keine!

Dieser Beitrag ist weitestgehend spoilerfrei!

Ergreifend und ungeschönt protokolliert Agota Kristof in ihrer preisgekrönten und auch verfilmten Geschichte eine Kindheit, die nichts Idyllisches hat. Sie zeichnet das Schicksal zweier im Krieg heranwachsender Zwillingsbrüder, die in einer schlechten Welt auf erstaunlich mutige Weise ums Überleben kämpfen. Zur Großmutter aufs Land geschickt, betteln, hungern, schlachten, stehlen, töten sie, stellen sich taub, blind und bewegungslos − die Brüder haben gelernt, was sie zum Überleben brauchen.

Inhalt laut Verlag zu „Das große Heft“

Es gibt so Bücher, die lese ich gerne, stelle sie danach in mein Regal und nutze die gemachten Notizen für meine Rezension. Die meisten davon hallen nach und bleiben in meiner Erinnerung.
Weiter gibt es da die Bücher, deren Inhalt mich irre beschäftigen, so dass ich anfange schon während dem Lesen zu recherchieren um mehr über das Thema, bestimmte Hintergründe oder Personen zu erfahren.
Und dann sind da die Bücher, die oben genanntes beinhalten und darüber hinaus solch eine Kraft an Interpretationen und Gedankenkarussells bei mir verursachen, dass es nicht einfach „nur“ rezensiert werden kann.
„Das große Heft“ hatte mich dermaßen in seinen Bann gezogen, da war es kaum verwunderlich, dass auch die 2 weiteren Bände gelesen werden mussten.

Um was es geht verrät der Klappentext schon recht gut. Insbesondere der Satz „Ergreifend und ungeschönt“ war eine Vorwarnung was da kommen kann, doch die Wucht mit denen bereits die ersten Sätzen begangen, habe ich nicht erwartet.
Zwei Jungen, Zwillinge deren Namen im ersten Band keine Rolle spielen, erzählen in kurzen knappen Kapiteln aus ihrem Alltag bei der Großmutter.
Die Wir-Form macht es sehr persönlich und trotz der Nüchternheit wirkt es ungemein grausam. Die gegenseitige Konditionierung wird ohne Drumherum und immer auf den Punkt erzählt. Dialoge gibt es nicht mit den altbekannten Anführungszeichen, sondern sind kurze Bindestriche (das kenne ich von einem österreichischen Autor und diesen Stil mag ich) vor dem Gesagten.

Es ist in der Tat eine ungeschönte Geschichte. Sie schmerzt, schockiert und brachte mich öfters zum Innehalten und Nachdenken.
Trotzdem war ich so schnell durch die 163 Seiten. Im Buch gibt es keine direkten Ortsnamen oder gar die Nennung des Landes, dennoch ist durchaus zu erkennen wo die Handlung spielt. Kriegszeiten ,irgendwo in einem kleinen östlichen Land, vermutlich die Heimat der Autorin, Ungarn.

Nach einiger Zeit spüren wir tatsächlich nichts mehr.
Es ist jemand anderes, der Schmerzen hat..

aus „Das große Heft“, Seite 19

Der Film

Das Große Heft basiert auf dem weltweit erfolgreichen Roman LE GRAND CAHIER der ungarisch-schweizerischen Autorin Ágota Kristóf.
Der ungarische Regisseur János Szász machte sich einen Namen u.a. mit „Witman Boys“ (Cannes Official Selection) und seiner vielfach preisgekrönten WoyczekVerfilmung (u.a. European Film Award: Bester Neuer Film).
Christian Berger zählt nicht erst seit „Das Weiße Band“ zu den renommiertesten europäischen Kameraleuten. Die männlichen Hauptrollen spielen Ulrich Thomsen („Das Fest) und Ulrich Matthes („Der neunte Tag“), als Großmutter brilliert Piroska Molnár. Ihre ersten großen Kinorollen spielen die Zwillinge András und Laszlo Gyemant. DAS GROSSE HEFT wurde bei seiner Uraufführung auf dem Internationalen Filmfestival Karlovy Vary mit dem Hauptpreis als Bester Film ausgezeichnet.

Quelle: Hompage Arne Höhne. Presse & Öffentlichkeitsarbeit

In Sachen Verfilmungen bin ich ehrlicher Weise immer eher zurückhaltend. Die meisten Buchverfilmungen enttäuschen mich in der Regel, aber bei „Das große Heft“ habe ich so gebannt vor dem Bildschirm gesessen, auf bestimmte Situationen gewartet und meine Erinnerungen des gelesenen Buches mit dem Film verknüpft.
Es war gar nicht die Geschichte an sich, die mir diesem Film so besonders machte, sondern die ungeheure Aussagekraft durch die Bilder und der authentischen Darstellungen aller beteiligter Menschen. Auch das Setting der einzelnen Orte entsprach genau meiner Vorstellung und alles wurde durch die Musik abgerundet.
Der Film hat eine FSK ab 12 Jahren, was ich nicht aufgrund der Gewaltszenen und der Tiefe der Geschichte nicht ganz unterschreibe. Definitiv sollte über den Film gesprochen werden, wenn Kinder/Jugendliche diesen (mit)schauen, denn es ist kein x-beliebiger Unterhaltungsfilm, sondern hohe anspruchsvolle Dramaturgie.

TRIGGERWARNUNG für den Trailer
Bitte nicht anschauen wenn Gewalt von oder gegen Kinder triggert!

Quelle:Youtube

Der zweite Band „Der Beweis“ ist eine Fortsetzung, logisch, und doch ist es komplett anders. Das Ende des ersten ist der Anfang des zweiten, allerdings bekommen die Zwillinge hier ihre Namen und nur einer der Beiden ist da. Lucas im Hause der Großmutter, bedrängt von einer riesigen Einsamkeit und nah am eigenen körperlichen und seelischen Verfall.
Diese Geschichte wird aus Sicht der dritten Person erzählt, wirkt dadurch allerdings nicht weniger persönlicher. Die Grausamkeiten aus dem ersten Band sind verflogen, alles wird deutlich sichtbarer und wirkt nicht mehr so abgehakt. Die stilistischen Dialoge wurden aber beibehalten und machen es erneut sehr gut lesbar.

Dieser Band ist allerdings etwas verworrener. Oft habe ich mich gefragt „wer bist du, wo kommst du her, wo willst du hin?“ Der Junge ist älter geworden und doch noch ein Kind. Der Krieg ist vorüber und herrscht immer noch unterschwellig.
Was hatten diese Konditionierungen gebracht? Gewiss keine herzlosen Menschen, denn Lucas entpuppt sich als ein sehr fürsorglicher junger Mann.
Es war schon seltsam, ein Zwilling dessen Leben sich weiter im Buch entwickelt und doch ist da immer der zweite, unterschwellig aber präsent.
Es hat mich stellenweise aus dem Konzept gebracht, da ich kein Stück eruieren konnte ob es diesen zweiten überhaupt gab.

Ich sehe meinen Bruder überall. In meinem Zimmer, im Garten, neben mir auf der Straße. Er spricht mit mir.

aus „Der Beweis“, Seite 79

Mit dem dritten Band „Die dritten Lüge“ habe ich mich am schwersten getan.
Wieder eine neue Form, dieses Mal in der Ich-Form erzählt, brachte mich erneut zum Ende des zweiten Bandes. Wusste ich doch wer das war und wusste es wiederum nicht.
Es geht um Lucas und Claus, ihr Leben im Haus der Großmutter und dieser kleinen hässlichen Stadt. Es geht aber noch viel weiter zurück, Erinnerungen aus der Zeit davor.
Wieder der Krieg, das Leiden, die Geschehnisse. Eher traumhaft wiedergegeben und mich wieder zu Interpretationen verleitend, weil ich nicht mehr wusste wer denn jetzt hier ist, wer je da war und ob diese Zwillinge in Wirklichkeit nur ein Mensch waren.

Eigentlich ist diese Trilogie dazu prädestiniert es in einer gemeinsamen Runde zu lesen.
Vermutlich sieht jeder lesende Mensch etwas anderes zwischen den Zeilen und der Austausch darüber würde mehr Stunden füllen, als die eigentliche Lesezeit.

Ich muss Lucas um jeden Preis fernhalten, ihn daran hindern, die entsetzliche Wunde wieder zu öffnen.

aus „Die dritte Lüge“, Seite 98

Seit der Veröffentlichung im Jahr 1986 wurde „Das große Heft“ in fast 40 Sprachen übersetzt.
Ausgezeichnet wurde es mit:
– französischer Preis für europäische Literatur „Livre Europeen“
– Schweizer Gottfried-Keller-Preis
– Österreichischen Staatspreis für Literatur
– Kossuth-Preis

Reihen sind ja dazu gedacht, sie eben der Reihe nach zu lesen.
Ich würde das empfehlen, ob es mich allerdings weniger verwirrt hätte, kann ich gar nicht sagen. Lesenswert sind alle drei Bücher. Die Autorin hat so tief blicken lassen und mich mit ihren kristallklaren Aussagen genauso begeistert, wie mit den im Nebel liegenden Geschehnissen.

Verfasst von © Kerstin


| Anzeige |

Buchdetails
Autorin: Ágota Kristóf
Verlag: Piper
     Zwillingsbrüder-Trilogie
Band 1 ~ „Das große Heft
Band 2 ~ „Der Beweis
Band 3 ~ „Die dritte Lüge


Biografie zu Agota Kristof (Quelle Piper Verlag)

Agota Kristof, geboren 1935 in Csikvánd in Ungarn, verließ ihre Heimat während der Revolution 1956 und gelangte über Umwege nach Neuchâtel in die französischsprachige Schweiz. Als Arbeiterin in einer Uhrenfabrik tätig, erlernte sie die ihr bis dahin fremde Sprache und schrieb auf Französisch ihre erfolgreichen Bücher, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Sie wurde mit zahllosen Preisen geehrt wie 2001 mit dem angesehenen Gottfried-Keller-Preis, dem Österreichischen Staatspreis für Literatur sowie dem Kossuth-Preis in ihrem Geburtsland Ungarn.

Kennt wer von Euch eines oder gar alle Bücher?
Und wie schaut es mit dem Film aus?

Beitrag teilen mit:
guest
1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments
Gabriele
Gabriele
5 Monate her

Diese drei Bücher habe ich bereits vor Jahren verschlungen! Ich war ebenso angetan wie Du davon. Sie haben einen besonderen Platz in meinem Bücherregal bekommen und ich kann mich noch heute ziemlich gut an den Inhalt erinnern – was ich bei weitem nicht von jedem Buch behaupten kann!