„3 Geschichten – 3 Eindrücke“ | Patrícia Melo – Young-Ha Kim – Ron Corbett

Versch(r)obene Welten

Heute wird es wieder bunt in Sachen Genre, Stilrichtungen und Inhalten.
Ein Kriminalroman, ein koreanischer Roman und ein Country Noir boten mir solch eine breite Palette an Leseeindrücken, dass ich diese gerne mit Euch teile.


„Der Nachbar“ von Patrícia Melo

In São Paulo fühlt sich ein Biologielehrer gestört von seinem Nachbarn. Permanent dringen Geräusche durch die Decke, zu jeder Uhrzeit, sei es, weil Ygor Upsilon kocht, herumläuft oder Besuch hat. Immer stärker steigert sich der Erzähler in eine unkontrollierbar werdende Wut. Er beginnt, den Nachbarn zu verfolgen, bricht bei ihm ein und findet sich plötzlich mit seiner Leiche wieder. Verschanzt in der Wohnung stellt er sich die Frage: Was tun mit dem grausigen Beweisstück – und was tun mit dem eigenen Leben?  

Mein erster Eindruck:
Nach „Der Leichendieb“ das zweite Buch der Autorin für mich und eine große Vorfreude, da ich den Stil sehr mag. Es kann rau und derb werden, aber auch Tiefgang haben.
Die Ich-Erzähler-Form bringt dann auch gerne mehr an Gedankenwelten hervor, als es ein Außenstehender erzählen könnte und so versank ich auch direkt ab der ersten Seite im Buch.

Auf den zweiten Blick:
Zwei Teile im Buch, quasi das Davor und das Danach.
Den ersten Teil habe ich gefeiert, mit all den Kleinigkeiten, die sich aufbauschen und immer größere Ausmaße annehmen. Sehr schön erzählt und mit einer spürbaren Atmosphäre von anfänglicher Wut, die sich immer mehr steigert, bis es in regelrechtem Hass und damit in einer nicht mehr kontrollierbaren Handlung ausartet.

Was mich anging, so muss ich sagen, dass ich meinen Hass pflegte wie einen Rosenstrauch, mit schwarzer Galle anstelle von Dünger.

Seite 25

Da das Buch nur 159 Seiten hat, war der erste Teil schnell erzählt und damit auch flott gelesen. Es war scheinbar schon alles Wichtige geschehen und so hoffte ich auf einen zweiten Teil mit mehr Hintergründen und Erklärungen. Davon gab es, durch die gedanklichen Darstellungen des Lehrers ein paar, aber mir eben nicht genug.
Es folgte eher die Strafe auf eine Tat, die Konsequenz von allem und weniger ein psychologischer Background.

Last but not least:
Grundsolide und spannend auf jeden Fall. Der erste Teil, dieses langsame und kontinuirliche Aufbauen dieser Szenerie um einen Streit, welcher komplett eskaliert, auch da keine Seite in irgendeiner Form nachgibt, sondern sich beide immer mehr hochschaukeln, hat mich sehr fasziniert. Die Autorin hat da in menschliche Abgründe blicken lassen, ohne moralische Einwürfe oder Entschuldigungen. Eine Skizzierung des Menschen, während er immer unmenschlicher wird.

1 Geschichte – 2 Meinungen: Jannas Eindrücke

Titel: Der Nachbar
Buchreihe: Einzelband, 159 Seiten
Autorin: Patrícia Melo
Verlag: Tropen (Klett-Cotta)


Dieses Buch fließt auch in die #WirLesenFrauen Challenge Part II von Eva-Maria Obermann mit ein.


„Aufzeichungen eines Serienmörder“ von Young-Ha Kim

Tierarzt Byongsu Kim (70) ist »pensionierter« Serienmörder. Er verbringt seine Zeit damit, Klassiker zu lesen und Gedichte zu schreiben. Kurz nachdem er in seinem Viertel einem Mann begegnet, den er als seinesgleichen erkennt, wird bei ihm beginnende Demenz diagnostiziert. Um seine Tochter zu beschützen, plant der alte Mann, mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, einen letzten Mord.

Mein erster Eindruck:
Auf dieses Buch wurde ich durch eine Vorschau aufmerksam und auch wenn es einen „stolzen“ Preis für gerade mal 152 Seiten hat, war es diesen Kauf absolut wert.
Das Cover außergewöhlich und die ganze Verarbeitung hochwertig. Zudem nach langer Zeit wieder ein Buch, dessen Zuordnung ich ganz klar eher in der anspruchsvolleren Literatur ablege.

Auf den zweiten Blick:
Kurz und bündig geht es zu. Viele Absätze, kurze Passagen, einzelne Einwürfe, hier und da mal ein Gedicht und jede Menge Gedanken des Ich-Erzählers.
Der alte Herr weiß so vieles und vergisst doch immer mehr.
Die Demenz hat zugeschlagen und so schildert er seinen Umgang damit. Notizen, die ihm helfen sollen sich zu erinnern und worüber er doch wieder alles vergisst.
Ein Killer war er, wahllos hat er seine Opfer ausgesucht und so spricht er über sie, seine Taten und seinen Lebenslauf.
Schon lange tötet er nicht mehr und doch kommt nun, in seinem hohen Alter, der Drang noch einmal zu Töten immer stärker zu Vorschein.
Da ist ein anderer Mann, der ihm immer wieder begegnet, der wohl für seine Tochter Unhi eine Gefahr darstellt und so folgt man dem alten Mann und allem um ihm herum.
Die (geistigen) Verwirrungen zeigen sich durch die Abschweifungen, plötzlichen Einfällen, neuen Ideen und immer wiederkehrenden Überlegungen wie er einst enden wird. Dabei entsteht aber nicht der Eindruck einer Art Selbstmitleid, sondern seine klare Erkenntnis dass es ihm letztendlich egal ist, da er an genau dieser Situation nichts ändern kann. Aber da ist etwas das ihn beschäftigt und genau dies wird durch seine Aufzeichungen ganz zum Schluss hin aufgeklärt.

In „Aufzeichungen eines Serienmörders“ bekommt man keine detallierten Tatortschilderungen , aber hier und da einen Einblick in Byongsus Werdegang. Ein so untypischer Killer, dessen teilweise Emotionslosigkeit ihn schon wieder dafür prädestinieren.

Bin ich ein Teufel oder ein Übermensch? Oder etwas beides?

Seite 33

Last but not least:
Wow, komplett anders als erwartet und um ein Vielfaches besser als gedacht. Der Autor hat da ganz viel mit Eindrücken, Scheinbarkeiten und dem Thema Demenz gearbeitet.
Es fließen die Serienmorde ein, die alten und auch neue, es gibt Polizeiermittlungen und bei allem ist Byongsu derjenige, der alles aus seiner Sicht erzählt. So dauert es wirklich bis zum Schluss, dass alles erkennbar und auch erklärbar ist.
Ein alter Mann als Serienkiller bekommt in dem Buch die Rolle des Antagonisten schlechthin und irgendwie war es mir nicht möglich, ihn nicht zu mögen. Schon verrückt was Literatur kann. Eine absolute Leseempfehlung von mir!

Titel: Aufzeichnungen eines Serienmörders
Buchreihe: Einzelband, 152 Seiten
Autor: Young-Ha Kim
Verlag: Cass


„Preisgegeben“ von Ron Corbett

Während ein junger Baummarkierer eines Nachmittags an der nördlichen Wasserscheide arbeitet, macht er eine grausige Entdeckung: In einer Hütte eines Landbesetzers wurde eine Familie ermordet.
Detective Frank Yakabuski, ein Armee Veteran, der nach einem erfolgreichen Wechsel eine Einsatzgruppe anführte, die eine berüchtigte Biker-Bande zerschlagen hat, trifft in Ragged Lake, einem fast verlassenen Dorf, ein. Er soll den Mord an der Familie aufklären. Aber niemand ist bereit zu reden. Bei einem aufkommenden Wintersturm separiert Yakabuski die Einheimischen in einer Lodge, während er mit seinen beiden Junior-Offizieren das Gebiet untersucht.
Bald kämpft er nicht nur darum, das Verbrechen aufzuklären, sondern auch, am Leben zu bleiben und die wenigen Unschuldigen zu beschützen, die in den verlassenen Wäldern leben.

Mein erster Eindruck:
Der Polar Verlag steht für mich immer als Garant für spannende und abwechslungsreiche Kriminalliteratur. Bis dato hat mich noch jedes Buch überzeugen können, insbesondere da es sehr oft Krimi Noirs sind, oder wie in diesem Fall ein Country Noir.

Auf den zweiten Blick:
Es gibt Ortschaften oder Gegenden in Büchern, da möchte man unbedingt einmal hin und dann gibt es Ragged Lake und genau dort will man nie landen.
Direkt mit dem Einstieg wird man Augenzeuge beim Auffinden einer ermordeten Familie, weit abseits von aller Zivilisation. Eine Art Austiegerfamilie, die in dieser Gegend gerade Fuß gefast hatten und dennoch komplett für sich alleine blieben.
Der Weg der ermittelnden Polizeibeamten, allen voran der äußerst sympathische Yakabuski, dauert eine gefühlte Ewigkeit und doch saugt man alles auf, was diese Gegend zu bieten hat, oder eben auch nicht. Keine Straßen führen an diesen Ort, der Weg ist nur mit Schneemobilen zu bewältigen und bedarf Kondition und einen großen Willen.

Es ist einsam in diesem nördlichen Flecken Erde und kalt. Kaum Zivilisation und die wenigen die dort leben oder besser gesagt ausharren, sind solche, die kaum mehr andere Optionen haben. Ragged Lake, einst mit einem großen holzverarbeitendem Arbeitgeber gesegnet, hat sich doch für viele als einen Alptraum entpuppt. Schwierige Verhältnisse und noch schwierigere Menschen. Jede Menge an Geheimnissen offenbaren sich, wie in etwa ein ehemaliges Lager, das ich dort niemals vermutet hätte. So kommt es unweigerlich auf das Thema um Krieg und Tod, als wäre die Düsternis in Ragged Lake die Basis für alles böse, dass genau dort aus den Menschen herausbricht. Allerdings ist es nichts übernatürliches, sondern so menschliche Handlungen, wie es eben nur der Mensch vermag, was meist damit endet dass einer nie mehr aufsteht.

Ich bin versunden in diesem Stück Land, in den Seen und Flüssen, den Wälder und auch dieser Lodge. Es war ein Genuss den Ermittlungen zu folgen und all diese Charaktere kennezulernen und dabei erfahren zu dürfen, dass diese eben keinerlei Veränderungen mehr zu erfahren brauchen. Eine perfekte Symbiose inmitten all dieser kleinen Unperfektheiten.

Was für eine gequirlte Kacke, in die ihr da reingeraten seid.

Seite 205

Last but not least:
„Preisgegeben“ ist wahrlich düster und es ist stellenweise sehr grausam. Von der Thematik her eine Mischung, die richtig viel hergibt aber nie überzogen wirkte. Yakabuski, dieser reife und intelligente Mann bietet sehr viele Einblicke auf sein Leben, auch wenn alles von einer dritten Person erzählt wird.

Ein Country Noir, der von der gesamten Umgebung lebt und in dem auch getorben wird, wobei es da einige Szenen gibt, die richtig heftig sind.
Dennoch ist dieser Krimi kein typischer Abklatsch, sondern komplett eigenständig und entwirft ein gigantisches Abbild von Versuchungen, menschlicher Gier und der enormen Kraft der Natur.
Richtig spannend und viel mehr als nur ein Abenteuer, bei dem es um die Suche nach Tatverdächtigen, Motiven und dem Mörder geht.

Titel: Preisgegeben
Buchreihe: Einzelband,
Autor: Ron Corbett
Verlag: Polar

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Kurzmeinungen verfasst von © Kerstin


Naaaa? Habe ich Eure Neugierde geweckt, für eines der drei Bücher?

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Julia (Leselust Bücherblog)
3 Monate her

Liebe Kerstin,
Ich bin natürlich hier wegen „Aufzeichnungen eines Serienmörders“, auf das du mich schon auf Twitter neugierig gemacht hast. Deine Kurzrezension hat mich jetzt noch in dem Wunsch bestärkt, es zu lesen. Und wo du mich mit diesem Buch schon mal hergelockt hast, hast du mich auch gleich neugierig auf „Der Nachbar“ gemacht. Das klingt auch richtig gut! Meine Wunschliste wächst und wächst. ;D
Liebste Grüße
Julia

LeseWelle
3 Monate her

Hallo Kerstin!
Deine Meinung zu Der Nachbar finde ich ganz toll, das kann ich nachvollziehen und passt sehr zum Buch. :D
Ich verlinke dich auch mal bei meiner Rezension, dann habe ich deine und Jannas Meinung. ;)
Aufzeichnungen eines Serienmörders klingt wirklich interessant. Das werde ich mir mal genauer ansehen. Danke für den Tipp!
Liebe Grüße
Diana