3 Geschichten – 3 Eindrücke | Lucia Leidenfrost – Janet Lewis – Andrew Miller

Von Menschen und Geschichten

Wieder habe ich heute drei Bücher für Euch, die kaum unterschiedlicher sein können.
Die Reihenfolge auf dem Bild ist willkürlich, aber es sind von der absoluten Neuheit bis hin zur Backlist alles vertreten. Eine Art Kriminalfall, ein historisches Setting und eine Art Dystopie.
Viel Spaß beim Durchlesen meiner Kurzmeinungen, vielleicht reizt euch sogar eine der Geschichten.


„Wir verlassenen Kinder“ von Lucia Leidenfrost

Roman – Dystopie

Ein abgeschiedenes Dorf. Leere Bauernhöfe. Eine aufgelassene Schule. Die Erwachsenen haben nach und nach das Dorf verlassen. Zurückgeblieben sind die Kinder. Sie empfangen Pakete und Geld. Sie kochen, putzen und pflegen die Großeltern und kleinen Geschwister. Scheinbar soll Krieg herrschen rundherum. Als auch der einzige Lehrer das Dorf verlässt, beginnen die Kinder, ihre eigenen Gesetze und Regeln aufzustellen.
Inhalt laut Verlag (gekürzt)

Mein erster Eindruck:
Das Buch hatte mich vom Cover und dem Klappentext sofort gereizt und gehört für mich in die Kategorie #CoverMachenBücher. Eher ein Zufallsfund und dennoch sofort ein Haben-Muss-Buch. Es versprach einen Hauch von Dystopie und gleichzeitig etwas furchtbar Reales.

Auf den zweiten Blick:
So schön farbenfroh wie das Cover direkt auf mich wirkte, so düster ist es im Inneren. Eine Tragödie, ein Drama, eine grausame Geschichte um das Verlassenwerden und die katastrophalen Folgen bei Vernachlässigung. Kinder, die schwächsten unter den Menschen, sind der Mittelpunkt in diesem kleinen Dorf, verlassen von allen Erwachsenen und sich selbst überlassen.

Es liest sich so leicht und legt sich doch so schwer auf´s Gemüt. Dieses Erzählen in den abwechselnden Blickrichtungen, mal WIR, mal ICH aus Sicht der jungen Mila und auch die der Erwachsenen, hatte etwas stellenweise unheimliche düsteres, wie auch klares.

Der Ort an sich, wo er liegt, ist unklar und doch könnte er überall sein. Direkt in der Nachbarschaft oder weit entfernt. Auch die Zeit ist nicht klar definiert, gestern, heute oder morgen? Vollkommen egal, denn es würde alles passen.
Herrscht wirklich ein Krieg? Oder ist das nur ein Synonym?
Sind die Kinder so unartig gewesen, dass als Konsequenz das Verhalten der Eltern zu rechtfertigen wäre? Wurden sie sich selbst überlassen, durch dieses Wegziehen er Eltern, oder ist auch dies nur symbolhaft für all die Schicksale von Kindern, denen kein Mensch mehr Zeit bietet?

Uns hat man vergessen.
…so unbedeutend und klein und vor allem unwichtig sind wir der Welt in unserem Dorf geworden.

Seite 174

Last but not least:
Interpretationen! Unmengen an Interpretationen bietet die Geschichte von Lucia Leidenfrost und schon von Anfang an musste ich ständig an den Film und das Buch „Herr der Fliegen“ von William Golding denken. Dieses langsame aber stetige Wachsen von Gewaltbereitschaft und den hilflosen Versuchen einzelner, dies zu unterbinden.

Mich hatte die Autorin so dermaßen in den Bann um die Kinder und das Dorf gezogen, dass ich es innerhalb eines Abends durchlesen musste. Das Ende ist seltsam, aber das ist die ganze Geschichte, wobei ich dies nicht in einer negative Form für mich behielt, sondern einfach nur verblüfft war ob der Fähigkeit da Dinge zu beschreiben, die einem ganz deutlich vor Augen stehen, wenn man es nur begreift. So harmlos wirkte manches und dabei war es einfach nur furchterregend, schmerzhaft traurig und entsetzlich grausam.
Eine Szene, die ich damit verbinde war die Wanderung in das Nachbardorf, die lauernde Gefahr, von der lange unklar war, ob es sie überhaupt gibt und dann die wortwörtliche Explosion, der Krater und die Tatsache das es auf einmal ein Kind weniger war. Die Art wie die Autorin beziehungsweise die Kinder dies erzählten, hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Diese Buch ist prädestiniert zum Lesen in großer Runde, es gibt so viel zu entdecken, so viel zu besprechen und bereden und für mich ist es ganz klar eine Art Anklage.
Wo sind all die Kindheiten geblieben, zwischen Kriegen und Flucht, bei all den Terminen und Verantwortungen?
Dieses Dorf im Buch ist wie die Welt! Die Erwachsenen machen sich aus welch einem Grund auch immer rar und wundern sich über die Abstumpfung und immer schwächer werdende Empathiefähigkeit ihrer eigenen Kinder.

Eine absolut faszinierende, ehrliche wie auch grausame Geschichte, für die ich gerne eine Leseempfehlung ausspreche.

– Weitere Eindrücke –
awogfli von Feiner reiner Buchstoff
monerls bunte Welt
Tii und Ana´s kleine Bücherwelt

Das Buch wurde mir von „awogfli“ vom Blog „Feiner reiner Buchstoff“auf Instagram empfohlen und wird daher der #WirLesenFrauen-Challenge Part II, Aufgabe Nummer 11 zugeteilt. Ein toller Tipp war das!

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Titel: Wir verlassenen Kinder
Buchreihe: Einzelband, 192 Seiten
Autorin: Lucia Leidenfrost
Verlag: Kremayr & Scheriau


„Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ von Janet Lewis

Roman – historischer Kriminalfall, mit teilweise realen Hintergründen

Ein Indizienprozess erschüttert Jütland. Der für sein Mitgefühl bekannte Pastor Sören Qvist lässt sich für ein Verbrechen verurteilen, das er nicht begangen hat. Freunde bemühen sich um entlastendes Material, seine Kinder ermöglichen ihm die Flucht aus dem Gefängnis. Doch Sören Qvist bleibt standhaft. Was kann einen Menschen dazu bewegen, seine moralische Integrität über sein Leben zu stellen?
Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1625 strahlt leuchtend hell in unsere Gegenwart hinein.

Inhalt laut Verlag

Mein erster Eindruck:
Was für ein Cover!
Was für ein Klappentext!
Das perfekte #WirLesenFrauen!

Auf den zweiten Blick:
Ich könnte ja jetzt auf hohem Niveau jammern, tue es auch, aber mit guten Gewissen, denn alles in allem hat mich dieses Buch doch sehr gut unterhalten, zu Recherchen veranlasst und ganz weit zurück in dieses Jahr 1625 und Folgejahre verschlagen.

Warum jammern?
Die ersten Seiten bilden quasi die Nachgeschichte zu dem Klappentext und genau darinnen wird eigentlich schon alles erzählt. Somit wusste ich wirklich schon fast alles. Wer, wieso und weshalb, wo und wie und genau dies hat mich so sehr gestört, dass ich eine ganze Zeitlang das Buch erst zur Seite legen musste, bevor ich mit dem eigentlichen Hauptteil erst anfangen konnte, in der Hoffnung, dass selbst durch das erfahrene Wissen doch noch ein Lesegenuss zustande kommt.

Es hat mich wirklich geärgert und wäre da nicht dieser Reiz gewesen, um die Handlungen der Menschen, den Menschen Sören an sich und seine Beweggründe, wäre diese Art Spoiler am Anfang für mich ein Grund zum Abbruch gewesen.

Last but not least:
Kein Abbruch, sondern ein Etappenlesen.
Es hat mich allerdings nicht mehr so sehr fasziniert. Gewiss gab es einige sehr schöne Passagen, tolle Schilderungen des damaligen Leben und auch dieser Justizfall hatte es mir sehr angetan.
Besonders Sörens Tochter und das Schicksal der gesamten Familie war sehr emotional beschrieben. All die Klüngeleien, das Verhältnis von Abhängigkeiten und die schonungslosen Kämpfe um das tägliche Brot, das pure Überleben und was eben in einer Zeit und einem Land voller Widersprüche von statten geht.
Liebe und Hass, Angst und Freude.
Eine Landschaft so rau und hart, etwas das sich in vielen der Menschenseelen spiegelte.

Grundsätzlich eine ansprechende Geschichte, bei der man sich selbst hinterfragt und die Beweggründe dieses Mannes eventuell nachempfinden kann.

– Weitere Eindrücke –
Bellas Wonderworld

Janet Lewis war eine sehr engagierte Frau. Politisch aktiv und engagiert in pazifistischen Aktionen. Sie kämpfte gegen den Rassismus gegenüber den Indianern und unterstützte die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP – Nationale Organisation für die Förderung farbiger Menschen)

Das Buch der Autorin erschien erstmals als „The Trial of Soren Qvist“ im Jahr 1947.
Sie gehört definitiv zur #WirLesenFrauen – Challenge von Eva-Maria Obermann, wenn auch ohne Aufgaben-Zuordnung.

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Titel: Der Mann, der seinem Gewissen folgte
Buchreihe: Einzelband, 272 Seiten
Autorin: Janet Lewis
Verlag: dtv


„Friedhof der Unschuldigen“ von Andrew Miller

Roman – Historischer Roman, fiktiv, mit teilweise realen Hintergründen

Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts: Im Schloss von Versailles wird dem jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte von höchster Stelle ein Auftrag erteilt. Er soll den Friedhof der Unschuldigen demolieren, der, mitten in Paris gelegen, Hunderttausende von Toten beherbergt und dessen Ausdünstungen die Stadt langsam vergiften, so dass der Wein in den Kellern zu Essig wird, Fleisch binnen Minuten verfault. Aber es soll möglichst unauffällig geschehen, der Pöbel ist abergläubisch und will die Totenruhe nicht gestört sehen.
Inhalt laut Verlag

Mein erster Eindruck:
Was für ein Cover!
Gesehen hatte ich es erstmals bei Twitter, als Empfehlung für Romane mit historischem Setting und schon diese sehr kurze Beschreibung hatte mich irre neugierig gemacht. Erste Recherchen zum Inhalt überzeugten mich dann und so war es nur eine Frage der Zeit, bis dieses wunderschöne Exemplar bei mir einzog.

Auf den zweiten Blick:
Es geht nach Frankreich im 18. Jahrhundert und ehe man sich versieht, heißt es abtauchen in diese Zeit, der Sprache und dem ganzen Umfeld. Gemeinsam mit Jean-Baptiste Baratte gilt es herauszufinden, was es mit diesem neuen Arbeitsauftrag auf sich hat. Es steht an die neue Unterkunft zu beziehen, die Vermieter kennenzulernen und auch die riesige Stadt Paris, gerade für ein Landei wie Jean-Baptiste. Alles und jede_r hat seine Eigenheiten, Männer und Frauen unterschiedlichstem Stand, Kirchen und Häuser, selbst die Straßen und Gassen laden ein und auch wieder nicht.

Draußen über der Stadt schwebt ein milchiger Frühmorgendunst, etwas wie die abgestreifte Haut einer Wolke, etwas Feuchtkaltes, Giftiges, das ihre Gesichter mit kleinen Tröpfchen überzieht,

Seite 300

Den „Cimetière des Innocents“ gab es tatsächlich und so wird die Geschichte um diesen Friedhof und der Kirche „Aux Saints-Innocents„herum ausgebaut. Fiktive Personen und Geschehnisse um einst reale Zustände.
Der Friedhof ist voll, übersättigt könnte man fast sagen. Grab neben und über Grab. Es stapelt sich was noch da ist und das ist sehr viel. Tote, bestattet in Gruften und Gräbern. Zuhauf und noch ein wenig darüber.
Es stinkt zum Himmel, wortwörtlich und so legt sich über diesen Stadtteil der Geruch des Verwesenden und klebt an allem und jedem.
Jeans Aufgabe könnte all dem Gestank und dem damit verbundenen Übel ein Ende bereiten, aber so einfach ist dieses Unterfangen nicht.

Der Autor schreibt herrlich in einem Stil, der in das Frankreich der Zeit passt. Die damaligen gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten kommen stetig hervor und zeigen den alles andere als einfachen Lebensstandard der Menschen. Alles umwabert vom Geruch, der sich einnistet in den Klamotten, den Haaren und auch in den Gedanken.
Er zeichnet ein Bild der unterschiedlichsten Charaktere und schleppt einen mehr als einmal mit in diese Kirche und den Friedhof.
Knöcheltief lässt er einen stehen in dem Morast aus dem was übrig blieb und dem was noch bevor steht.

„Der Friedhof der Unschuldigen“ braucht einen langen Atem. So lange ist der Ort gewachsen, da reichen keinen kurzen, knappe Sätze. Voluminös erzählt der Autor von der Zeit, den Menschen und dass da sehr viel mehr zu erwarten ist, als einfach einen Friedhof aufzuräumen.

Last but not least:
Vive la révolution ist noch entfernt und doch schon zu spüren.
Der Klerus spielt mit seinen Schäfchen, der Adel mit dem gemeinen Volk und der Autor mit Jean-Baptistes Verstand.

– Weitere Eindrücke –
Nordseiten
I am no morning Person

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Titel: Friedhof der Unschuldigen
Buchreihe: Einzelband, 384 Seiten
Autor Andrew Miller
Verlag: Paul Zsolnay Verlag [HANSER]

Kurzmeinungen verfasst von © Kerstin


Wohin führt Dich die nächste buchige Reise?
Vielleicht in eines dieser Bücher?

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Pink Anemone
5 Monate her

Hallo again, „Wir verlassenen Kinder“ klingt zwar interessant und durchaus lesenswert, doch so richtig angefixt hast Du mich mit „Friedhof der Unschuldigen“. Derzeit fahre ich extrem auf historische Romane ab und würde am liebsten immerzu mit einem Buch in die Vergangenheit abtauchen (sofern es keine Liebessschnulze ist). Wenn sich dabei noch Realität und Fiktion gekonnt vermischen und einem so die damalige Zeit näher bringen, umso besser, umso neugieriger werde ich und umso mehr muss ich das Buch dann haben. Ausschweifende und detailverliebte Erzählstile finde ich, sofern es zu der Story passt, durchaus atmosphärisch (ich liebe ja auch die russischen Klassiker,… Read more »

Julia von Leselust Bücherblog
5 Monate her

Liebe Kerstin,
Oh, „Wir verlassenen Kinder“ klingt richtig gut. Und ja, das Cover ist wirklich cool. Das Buch wandert gleich mal auf meine Wunschliste. <3 Danke für den Tipp.
Liebste Grüße und bleib gesund.
Julia

Julia von Leselust Bücherblog
Reply to  Kerstin
5 Monate her

Uuuuh, das klingt echt gut. Dabei hattest du mich doch schon längst überzeugt. ;D